Eine Geschichte zum nachdenken

©by Fridolin Wirbelwind

Wie Ihr ja nun schon wisst, war ich viele Jahre auf Achse. Manchesmal bekam ich einen Job, oft verdiente ich mein Geld als Pflastermaler und machte Platte. Es gab auch Zeiten, da musste ich betteln gehen, was nicht schön war, aber es gab diese Zeiten eben. Ab und zu wurde ich auch privat eingeladen.

Von einem dieser Vorfälle möchte ich nun mal eine Geschichte schreiben.

Alles trug sich in Hamburg zu. Zu der Zeit begleitete mich eine Gelbstirn-Amazone. Doch wie ich zu diesem Tier kam, das ist wieder eine andere Geschichte.

Also wir saßen so wie fast jeden Tag in diesem Sommer in der Nähe vom Bahnhof St.Pauli. Etwas weiter weg in der Fußgängerzone. Nicht weit davon entfernt war da ein Cookieladen. Dort bekamen wir morgens immer einen Kaffee und zwei Cookies, einer für mich einer für den Vogel.

Da es regnete, konnte ich nicht malen und musste also Sitzung machen. Ein echt mieser Job. Doch hatten Toni und ich so einige Kunststücke einstudiert und die führten wir vor. Ich stellte einige Becher auf und legte ein paar Münzen in jeden. Dann sagte ich ihm, dass er mal eine Kupfer- oder eine Silbermünze finden und mir bringen sollte.

Ehrlich gesagt, viel Geld brachte das nicht ein, aber wir hörten ja auch immer auf, wenn wir genug Geld für den Tag zusammen hatten.

Da kam ein Mann an und sah uns zu. Mindestens eine halbe Stunde. Er hatte schon alles Tricks gesehen und ich entschuldigte mich dass es nun nichts Neues mehr geben würde.

Er lächelte und ging weiter.

Ok, dachte ich mir, auf jeden Fall hat er gesehen, dass wir auch was tun und nicht nur so da sitzen.

Als ich schon gehen wollte, kam der Herr zurück, in Begleitung einer Frau.

Ich war schon am einpacken von unserer Decke und den Bechern, als auf mich zukam und mich ansprach.

Hallo, ich habe sie vorher beobachtet“, sagte er, „wie kommt ihr denn von Ort zu Ort?“ Es spielte damit auf mein Schild an auf dem geschrieben stand, dass wir bald weiterziehen wollen und noch Fahrgeld brauchen.

Manchmal reicht es für eine Fahrkarte mit Bus oder Bahn!“

Kannst Du auch ein Fahrrad reparieren? Ich würde es bezahlen.“

Klar,“ sagte ich, und dachte, ein bezahlter Job ist doch auch was wert. Vielleicht gibt es dann ja auch noch etwas zu essen und eine Nacht im Gartenhaus.

Die Dame sagte gar nichts, und wie ich später erfuhr war sie taubstumm. Die beiden nahmen uns also mit und als wir bei ihnen ankamen, fragte ich gleich wo das Rad denn wäre, da ich mich gleich dran machen wollte um den Job zu erledigen.

Der Herr, er hieß Niklas, meinte nur dass das noch Zeit hätte, erst wolle er mir noch etwas zeigen.

Die beiden wohnten nicht schlecht, Heute weiß ich, dass es eine Nobelgegend war, mit Blick auf den Hafen.

Aber egal, er fragte mich, ob ich denn auch gerne lese und hat mir so die eine oder andere Frage zu E.A Poe, Mark Twain, Joachim Ringelnatz, Goethe, Antoin de Saint Exupèry, und anderen.

Wir unterhielten uns sehr gut und er bot mir auch ein Glas Wein an. Fragt mich nicht wie lange wir uns unterhielten, sicher lange, und mit jedem Satz den er sprach, fiel mir auf, dass ich noch soviel zu lernen habe und auch wissen möchte. Btw, das ist auch Heute noch so.

Als seine Frau herein kam und uns mitteilte, dass das Essen fertig sei, fiel mir erst auf, dass es schon anfing zu dämmern.

Ehe wir uns zu Tisch setzten, sagte mir Niklas, dass seine Frau Gaby heißt und sie sich an unserem Gespräch nicht wirklich beteiligen könne, ausser ich würde Gebärdensprache beherrschen. Aber er wird gerne übersetzen, wenn es mir nichts ausmacht.

Klar war mir das recht, bringt es doch immer etwas Ruhe in eine Unterhaltung wenn man gezwungen wird für jemanden zu übersetzen.

Nach dem Essen redete niemand mehr über die Reparatur eines Fahrrades. Nur darüber, wie wir Toni nachts unterbringen, damit er nicht überall hinmacht.

Gaby hatte die rettende Idee, im Salon, wo die Bücher waren und der Alkohol, standen in einer Ecke ein paar alte Wurzeln welche die beiden von ihrer Hochzeitsreise nach Australien mitgebracht hatten.

Als sie mir jedoch ein Bett in einem anderen Zimmer geben wollten, lehnte ich dankend ab. Seit 14 Monaten war ich nun mit Toni unterwegs, und wir waren noch keine Stunde getrennt gewesen. Also sagte ich, dass ich lieber im Schlafsack in der Nähe von Toni schlafen würde.

Am nächsten Morgen ging es dann etwas hektisch los, Gaby weckte mich, und lies die Türe zum Wohnzimmer offen, öffnette die großen Fenster. Tonis Schwingen waren nicht gestutzt und so nahm er diese Einladung an, und flog erstmal eine Runde. Gaby weckte sofort Niklas und der entschuldigte sich 1000 Mal. Aber das war kein Problem, er kam ja immer dahin zurück, wo wir geschlafen haben, war auch auf Platte stets so.

Nach einer ausgiebigen Dusche kam Toni, passend zum Frühstück zurück. Gaby war total froh und lachte auf eine unheimlich schöne Art. Der freche Vogel hüpfte von Einem zum Anderen, stahl da etwas Toast, dort ein Stück Wurst oder Käse, und brabbelte die ganze Zeit. Niklas erklärte seiner Gaby, dass der Vogel sich freut und lustige Töne von sich gibt.

Als ich nach dem Frühstück beim Abwasch helfen wollte, schüttelte Gaby nur den Kopf.

Also wollte ich endlich das Fahrrad reparieren, doch Niklas schüttelte den Kopf. Auf meine Andeutung, dass ich ja doch weiter in Richtung Husum wollte, bedeutete er mir, dass ich mitkommen solle. Ok, was soll es auch, dachte ich mir.

Wir gingen in den Keller, dort standen fünf Fahrräder und eines mit einem Anhänger. Niklas meinte, dass er das mit dem Anhänger für mich schon hergerichtet habe, gestern Nachmittag. Ein tolles Rad war das, und der Anhänger war auch nicht leer.

Als ich mich, auf seine Bitte hin, darin umsah, war da alles drin, was ein Vagabund zum Leben braucht.

Ein Zelt, zwei Schlafsäcke, für den Fall, dass mal eine Frau mich begleiten möchte, ein Gaskocher mit zehn Kartuschen, Zwei Wasserkanister, Essen für mindestens zwei Wochen. Auch war eine Stange für Toni angebracht.

Auf die Frage ob ich das denn annehmen wollte, konnte ich zuerst nichts sagen, so einen dicken Kloß hatte ich im Hals.

Toni, zeterte und schlug mit seinen Flügeln. Niklas fragte mich ob ich noch eine Stunde bleiben möchte, auf ein Glas Wein und ein letztes Gespräch.

Wie konnte ich das nach so einem Geschenk denn abschlagen?!

Oben angekommen, drückte mich die Gaby ganz fest.

Niklas bat mich in den Salon und Gaby setzte sich zu uns. Was dann kam, dauerte natürlich länger als eine Stunde und ich kam erst am nächsten Morgen dort weg.

Sie erzählten mir wer sie eigentlich sind, und das hat mich damals auch sehr überrascht.

Niklas war ein Lehrer in der griechischen Gemeinde und somit Orthodoxer Christ, seine Frau die Gaby war eine Jüdin. Und die haben mir beide immer wieder erklärt, dass es im Sinne Gottes sei, dass man Menschen in Not helfen muss. Sie hatten mich auch schon einige Tage gesehen, und auch mitbekommen, dass ich anderen Obdachlosen oft Essen oder Geld abgegeben hatte. Das hatte die beiden so beeindruckt dass sie mir auch helfen wollten, ganz im Sinne ihres jeweiligen Glaubens.

Gaby lies mir sagen, dass es nicht wichtig ist wieviel wir geben, sondern dass er mehr darauf ankommt, ob wir das nicht selber brauchen könnten und trotzdem teilen.

Am zweiten Morgen bestand ich darauf, dass ich nun los müsse auch wenn es sehr schön gewesen war.

Doch mein Fernweh lies es nicht mehr zu, dass ich noch länger an einem Platz bleiben könnte.

Unten angekommen, schoben wir das neue Rad auf die Strasse, ich drückte beide noch einmal und fuhr los.

Toni saß auf seiner Stange und plapperte vor Vergnügen im Fahrwind.

Abends, so etwa 5 km vor Husum stellte ich dann das neue Zelt auf. Als ich dann den Gaskocher angeworfen hatte und in den Lebensmitteln nachsah, was ich denn essen möchte, fand ich dort einen Brief, worin stand:

Lieber Joachim, Du bist ein Vagabund, Gott hat Dir diese Aufgabe auferlegt und Du meisterst sei einfach toll. Auch wenn Du nun denken solltest, dass wir Dir etwas gegeben haben, so hast doch Du uns viel mehr gegeben. Deine Liebe zum Leben, dass Du einen Freund hast, welcher freiwillig bei Dir bleibt, Deine Neugier auf alles Neue. Das sind die Dinge die der Schöpfer jedem Menschen mitgegeben hat. Doch das ist es nicht alleine,obwohl Du selber nur von Heute auf Morgen lebst, bist Du bereit Deinen kleinen Besitz mit anderen zu teilen.

Dafür danken wir Dir und hoffen, dass Du diese Art nie verlieren wirst.

Ganz liebe Grüße und möge Dein Gott immer mit Dir sein.

Niklas und Gaby“

Dabei lagen 20 10-DM-Scheine.

Es gibt einen Grund, warum ich diese Geschichte nun öffentlich mache. Es gibt auch Heute noch Menschen die so denken, egal welchen Glaubens sie sind. Denn in jeder Religion ist doch das Gastrecht und die Gastfreundschaft ein sehr hohes Gut.

Damals glaubte ich noch, und ich hoffe, wenn es einen Gott geben sollte, dass diese beiden Menschen von ihrem Schöpfer belohnt werden.

P.S.: Ich bin Atheist geworden, und lebe trotzdem nach guten Werten. Helfen wenn Du kannst, höflich und freundlich sein, wenn es geht. Aber das wichtigste Ding von allen, das ich auf meinen Reisen gelernt habe: Es lohnt sich gut zu sein.

6 Kommentare zu „Eine Geschichte zum nachdenken

  1. Dieses „Selber brauchen und trotzdem teilen“ erlebe auch ich häufig gerade bei Menschen, die Platte machen.
    Leider sind für sie Begegnungen mit Menschen, die trotz Besitz und Reichtum das Teilen nicht verlernt haben äußerst selten.
    Herzlichen Dank, dass du uns an dieser Begegnung teilhaben lässt.
    Wunderschöne Geschichte!

    Gefällt 1 Person

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