Alte Frau am Abend

©ba Fridolin Wirbelwind

In der Innenstadt schließen so langsam die Geschäfte. Nur noch vereinzelt sind noch Passanten unterwegs. Einige Leute sitzen nun in den Gaststätten, um ein gutes Essen zu geniessen oder auch um das Feierabendbier mit Freunden zu trinken.

Auf einer alten Holzbank sitzt eine alte Frau. Man kann ihr ansehen, dass sie schon bessere Tage gesehen hat. Sie lächelt still vor sich hin, so als ob sie gerade mit einem lieben Menschen reden würde und diesem aufmerksam zuhört. Neben ihr stehen ein paar Plastiktüten, in denen sie all ihr Hab und Gut untergebracht hat.

Nach einigen Minuten steht sie auf, nimmt ihre Taschen und schlurft mit gebeugtem Rücken davon. Keiner nimmt sie wirklich zur Kenntnis. Doch daran hat sie sich ja schon gewöhnt.

Ab und zu denkt sie melancholisch an vergangene Zeiten.

Kurz vor Kriegsende wurde sie geboren, als ihre Eltern auf der Flucht vor der Roten Armee war. Leicht waren ihre frühen Jahre nicht, doch sie lernte damals auch, dass man das was man hat in Ehren halten muss.

Nach dem Ende ihrer Schulzeit lernte sie Schneiderin, das war damals ja noch eine sehr angesehene Arbeit, man warf ja nicht alles weg, sonder reparierte alles was noch irgendwie ging.

Sie war auch gut, in dem was sie tat.

Mit 20 Jahren traf sie dann ihren späteren Ehemann. Sie bekamen zwei Kinder und bauten ein Haus. Die Kinder heirateten dann nach Übersee und als sie dann im Jahre 2005, nach 40 Jahren Ehe, ihren geliebten Mann verlor, stellte sich heraus, dass dieser alles verspielt hatte was sie sich erarbeitet hatten.

Ihren Kindern wollte sie nicht zu Last fallen, und verschwand einfach. Keiner sollte erfahren, was ihr Mann angestellt hatte. Zu stolz um Hilfe von einem Amt anzunehmen, entschloss sie sich, von dem zu leben, was sie in Mülleimern fand. Sie begann abends in der Innenstadt Flaschen zu sammeln.

Einmal sprach sie jemand vom Sozialamt an, der wollte sie in eine Obdachlosenunterkunft zu stecken. Dort hielt sie es jedoch nur zwei Tage aus. Das war nicht ihre Welt, also ging sie zurück unter ihre Brücke.

Ab und zu stecken ihr Leute dann ein paar Euro zu und im letzten Winter bekam sie einen Parka und ein paar warme Stiefel von dem Inhaber eines Second-Hand-Ladens geschenkt.

Betteln hat sie auch schon versucht, doch das kann sie nicht machen, dafür ist sie zu stolz.

So geht sie weiter jeden Tag ihre Wege, Tagein und Tagaus.

Wenn sie dann nachts auf ihrer alten Matratze liegt kommen manchmal Träume auf, dass sie doch noch ein kleines Stück vom Glück abbekommt. Es würde ihr ja schon reichen, wenn sie ein kleines Zimmer hätte, und dort von ihrer Rente leben könnte.

Bei einem Mann, der eine Postfilliale betreibt, durfte sie sich als Postadresse anmelden, so bekommt sie nun wenigstens jeden Monat ihren Rentenscheck. Aber wie will man von 265,- Euro denn wirklich leben können?

Aber sie ist vom Leben nicht enttäuscht. Es ist eben wie es ist, sagt sie sich immer wieder, es gibt Menschen denen es noch schlechter geht als mir.

Sie gibt nicht auf, und hat immer ein Lächeln übrig.

Ob ich diese Frau persönlich kenne, fragt Ihr? Jein, denn diese Frau lebt in jeder Stadt der Welt, zu jeder Zeit. Ein Jeder von uns hat sie schon mal gesehen! Doch wer hat sie schon wirklich wahr genommen?

Seid ehrlich, solche Menschen passen nicht in unser Leben.

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