Fare well, Tramp

©by Fridolin Wirbelwind

Es ist Winter, und Tramp trippelt nun schon seit mehr als einem Jahr mit mir auf all meinen Wegen mit mir.

Im Herbst waren wir rund um Nordfriesland unterwegs, und landeten dann, Dank eines tollen Truckers, in Madrid. Leider ist auch dort das Wetter nicht wirklich etwas für einen Pflastermaler, auch habe ich dort immer eine Art Fernweh tief in mir drin. Also beenden wir unseren Besuch in Spanien und suchen unser Glück an der Autobahn, in Richtung Deutschland.

Kaum an der Landstrasse mit unserem Schild, hält ein Fordbus an. Drinnen sitzen ein paar Althippies und fragen auf englisch wo ich denn hinmöchte.

Auf meine Antwort, dass ich wohl Richtung Deutschland, oder so, wolle, spricht mich einer auf deutsch an und meint ob wohl Amsterdam auch ok wäre, denn sie würden zurück nach Hause fahren, und wenn ich wollte, dann könnte ich mit Tramp über Weihnachten bei ihnen bleiben. Da ich für die Feiertage, die ja auch nur noch einige Wochen entfernt sind, noch keine Pläne gemacht habe, sage ich gerne zu. Amsterdam ist ja das Mekka für Vagabunden, Tramps und andere Leute die sich nicht gerne in Schubladen stecken lassen wollen.

Wir steigen ein und reden, essen und trinken zusammen. Es gibt auch Dinge, von denen ich hier nun nicht erzählen will.

Auf jeden Fall, war es eine tolle Fahrt. So ganz nebenbei, habe ich ein paar Brocken holländisch gelernt.

In Amsterdam dann angekommen, freut sich Tramp am meisten von uns allen, dass er endlich wieder ohne Leine in einem Garten laufen kann.

In der WG leben auch noch weitere Tiere, vier Hunde, einige Katzen, drei Papageien, eine Python und einige Wiesel.

Wieviele Personen nun wirklich dort leben, das werde ich nicht herausfinden. Leute kommen und gehen. Es ist wie eine einzige Party und wir philosiphieren, und leben einfach so in den Tag hinein.

Einige haben feste Jobs, andere sind Strassenkünstler und keiner fragt wo das Geld herkommt, nur eines ist wichtig, Verbrechen werden nicht geduldet.

Wer in das Haus reindarf, hat auch alle Rechte. Essen und trinken, sowie andere Dinge werden geteilt. Ich versuche einmal einen Joint, ist aber nicht mein Ding, darum lasse ich das bleiben.

Wir machen Musik zusammen, und jeder ist immer für jeden da. Es wird geredet und Blödsinn gemacht.

Als Dank für die Einladung male ich einige Bilder an die Wände.

Auch Tramp fühlt sich super wohl hier, darf er doch mit dem einen oder anderen auch mal mit in die Stadt gehen.

Eines Tages steht die Polizei vor der Türe und fragt nach den Ausweisen. Klar, gebe ich meinen ohne zu murren her. Als die dann nach Papieren für die Tiere fragen, bin ich froh, dass ich vor einigen Monaten für Tramp einen Impfpass für ihn in Husum bekommen habe.

Der Beamte war sehr freundlich, aber er fragte so direkt, dass es mir schnell klar wurde, wonach die suchen.

Einige der WG-Bewohner wurden abgeführt und mir wurde mitgeteilt, dass es wohl für mich besser wäre, wenn ich weiterziehen würde.

Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.

Nun stehen Tramp und ich in einer total fremden Stadt und wir haben kaum noch Geld. Das Wetter ist nicht so, als dass ich als Pflastermaler ein Bild auf den Boden bringen könnte, und so entscheide ich mich dafür von den letzten Gulden Fahrkarten für uns bis Venlo.

Dort stehen wir dann an der Strasse mit einem Schild, dass wir bis Köln möchten.

Einige Stunden stehen wir dort, bis endlich mal ein Auto anhält. Es ist ein etwas älterer BMW. Der Fahrer meint, dass er bis in die Innenstadt von Köln muss und uns gerne mitnehmen wird.

Klar, ich sage, dass ich aber den Tramp nich alleine mache, worauf der Fahrer meint, dass er mich auch nicht mitnehmen würde, wenn ich den Hund zurücklassen würde.

Alles klar, Tramp steigt hinten ein und legst sich dort in den Fußraum.

Klaus, so stellt sich der Fahrer vor, erzählt mir, dass er früher am Theater gearbeitet hat. Nun ist er schon in Rente und geschieden, hat drei Kinder und einen Enkel. Wir reden eben über so vieles, wie man es eben macht, wenn man sich unterhalten will.

Ab und zu fährt er an eine Raststätte, damit Tramp sich die Beine vertreten kann.

In Köln dann angekommen, meint er, dass ihm lieb wäre, wenn er uns am Dom absetzen könnte. Dort würde ich dann sicher Leute treffen, die so sind wie ich.

Es ist schon etwas später, als ich dann in der Nähe des Bahnhofs aussteige, mich für den Lift bedanke und Klaus einen schönen Abend wünsche.

Auf der Domplatte ist nicht viel los, nur auf der Treppe zum Dom sehe ich ein paar Leute sitzen und trinken. Das sind immer die Leute, die ich als erstes anspreche in einer fremden Stadt. Kennen die doch meist die besten Plätze an denen man Platte machen kann.

Schnell kommen wir ins Gespräch und nachdem ein junges Paar seinen Wein mit mir geteilt hat, gehe ich los und besorge uns auch noch etwas Rotwein. Als die beiden uns einladen mit zu ihrem Schlafplatz zu gehen, stimme ich zu.

Einige Gulden habe ich noch über und frage die beiden was wir denn noch brauchen würden für die Nacht. Die beiden meinten, dass alles da wäre was notwendig ist.

Sie führen uns dann zu einer Brücke, dort haben die sich einen Teil mit Decken gegen direkte Sicht abgeteilt. Auch sind dort zwei Matratzen und einige Einkaufwagen mit ihren wenigen Habseligkeiten zu sehen.

Tramp legt sich sofort auf eine Matratze. Anja und Kurt lachen einfach, und meinen, dass so eine Wärmeflasche, ja wohl kein Problem ist.

Mitten in einem Gespräch, in welchem mir Kurt dann sagte, dass es eigentlich ja gerne eine Lehre als Koch machen würde, frage ich, ob die zwei denn auch mal etwas warmes essen oder trinken, meint Anja, dass sie schon seit Monaten nichts warmes mehr hatte. Also packe ich meinen Campingkocher aus, und sage, dass wir dann wohl einen Glühwein trinken werden, passend zur Jahreszeit.

Ihr könnt Euch das Gesicht von den beiden gar nicht vorstellen.

Jedenfalls, haben wir dann noch zwei Liter Glühwein verkostet und viel geredet.

Am nächsten Morgen sind dann Anja und Kurt los um Sitzung zu machen, Tramp ging mit, weil ein Tier vor Weihnachten immer extra Geld bringt und ich bin los mit meinen Kreiden um ein Bild zu malen.

Als ich mitten drin gewesen bin, kommt Klaus an, tippt mich auf die Schulter und fragt wie es mir denn geht. Da der mir auch einen Kaffee mitgebracht hat, unterbreche ich meine Arbeit und stelle mich zu ihm um mich zu unterhalten.

Da kommt ein Mann zu meinem Bild, bückt sich um etwas Geld in meinen Hut zu legen, dreht sich um und sieht Klaus und mich. Er fängt an zu strahlen, kommt auf uns zu und küsst Klaus auf den Mund. Diesem ist das irgendwie peinlich. Doch als ich ihm sage, dass mir das egal ist, und auch nichts angeht, wird er wieder lockerer.

Wir setzen uns an das Bild, und nun kommen auch Anja und Kurt dazu. Da es anfängt zu schneien, ist es natürlich kontraproduktiv dass Tramp mit seinen feuchten Pfoten über das Bild tappst. Also beschieße ich, meinen Versuch mit Pflasermalerei zu beenden und mich mehr darauf zu konzentrieren, dass ich Geld für eine Bahnkarte für meinen besten Freund nach Ulm zu besorgen. Als der Klaus und sein Freund mich fragen was ich denn in Ulm will, sage ich, dass ich dort Brüder habe und hoffe, dass ich Weihnachten bei einem von denen über Weihnachten bleiben kann. Doch glaube ich das nicht wirklich, sind meine Geschwister und ich nicht wirklich die besten Freunde.

Als Klaus und sein Freund die Anja und den Kurt fragen was sie denn zu Weihnachten machen, wird Anja traurig und meint, dass sie sich einen Baum besorgen wollen, für ihr Lager und hoffen werden dass das nächste Jahr besser werden wird.

Der Freund von Klaus meint sofort, dass er die beiden einladen möchte. Anja bekommt Tränen in die Augen. Kurt ziert sich etwas, bis ich ihm sage, dass er doch auch an seine Frau denken soll, und so nehmen sie an.

Solange wir uns unterhalten haben, ist es mir entgangen, dass Klaus sich von uns entfernt hat. Nun taucht er wieder auf, nimmt mich in den Arm und drückt mir einen Umschlag in die Hand. Als sein Freund ihm erklärt dass er meine Kumpels über die Weihnachtstage eingeladen hat, ist er sofort damit einverstanden.

Ich sehe in den Umschlag, darin sind zwei Fahrkarten für einen Zug nach Ulm, in der ersten Klasse. Da bekomme ich einen Kloß im Hals und kann nichts sagen. Nur ein paar Tropfen kommen aus meinen Augen und Tramp kuschelt sich ganz nah an meine Beine.

Die Leute bringen uns noch bis zum Bahnsteig und winken noch als der Zug schon fährt. Die Fahrt verlief ziemlich ereignislos, ausser dass ein kleines Kind sich mit Tramp total amüssiert hat.

In Ulm angekommen, gehe ich zur Bahnhofsmission und versuche meine Geschwister anzurufen. Aber die haben alle keinen Bock auf mich.

Also setze ich mich in die Fußgängerzone, gegenüber der Kaufhalle, und versuche noch Geld zu erbetteln, damit wir die Feiertage überstehen können.

Einige Leute geben etwas, die meisten ignorieren uns und einige, wenige pöbeln uns einfach nur an.

Es sind noch drei Tage bis Weihnachten, und das Geld reicht nicht aus um wieder aus dieser Stadt zu verschwinden. Also sitzen wir jeden Tag am gleichen Platz und versuchen soviel Geld zu sammeln, damit wir, wenn die anderen feiern, wenigstens nicht hungern müssen.

Nun ist heilig Abend, und die Leute sind auf der Jagd, nach den letzten Geschenken, uns nimmt fast niemand mehr wahr. Als die Läden nun schliessen und sich die meisten Menschen auf einen Abend mit vielen Geschenken freuen, gehe ich das letzte Mal einkaufen. Hundefutter brauche ich ja nicht, da Tramp alles frisst, dass auch ich zu mir nehme.

Als ich aus dem Supermarkt komme, liegt vor meinem besten Freund ein kleines Paket, darauf ein Zettel: „Frohe Weihnachten und viel Glück!“ steht darauf. Drin ist ein Umschlag mit einem Brief, dessen Inhalt ich hier nicht kundtun möchte. Dabei sind 250 DM, mit dem Hinweis, dass zu Weihnachten niemand ohne ein Geschenk sein soll.

Ich fange an zu weinen und da tritt eine alte Frau zu uns, streichelt Tramp und meint, dass sie leider nicht mehr geben kann.

Ehe ich realisiere was passiert, ist die Frau schon wieder weg.

Da sich die Stadt nun leert, sage ich zu meinem einzigen Freund, dass wir nun wohl unsere Wohnung für die Feiertage aufsuchen müssen.

Unten an der Donau, gibt es eine Brücke, an der nicht viele Menschen vorbeikommen. Dort gehen wir nun hin. Ich baue unser Zelt auf, stelle den Gaskocher auf und bereite für uns zwei Vagabunden jeweils ein Schnitzel vor. Von einer netten Frau habe ich eine Flasche Eierlikör bekommen, die ich nun aufmache.

Bis das Essen fertig ist, spiele ich auf meiner Melodica einige Weihnachtslieder.

Von Ferne können wir Kirchenglocken hören. Das macht mich nun schon etwas traurig, meine Geschwister beginnen nun Weihnachten zu feiern und ich sitze unter einer Brücke, frierend und irgendwie etwas einsam.

Da ich diese Tage so schnell wie möglich hinter mich bringen möchte, betrinke ich mich, sinnlos.

Irgendwann, am nächsten Morgen stehe ich auf und gehe mit Tramp in die Stadt zum Bahnhof. Dort sind noch mehr einsame Seelen und wir setzen uns zusammen. Es wird über alles Mögliche geredet, nur nicht über Weihnachten, da dies uns alle traurig machen würde.

Als es wieder anfängt zu dunkeln, verziehe ich mich mit Tramp, nicht wissend, dass dies unser letzte Abend sein wird zusammen.

Wir essen, trinken, und ich erzähle ihm, dass es schön wäre auch Menschen um mich zu haben.

Früh legen wir uns hin und versuchen uns zu zeigen, dass wir immer Freunde sein werden.

Es ist der zweite Weihnachtstag. Wie üblich stelle ich den Gaskocher an, um unser Frühstück zu machen. Seltsam, Tramp tobt nicht sofort herum, und sucht sich einen Busch. Als ich zurückkomme, vom Wasserlassen, wundert es mich, dass der Kumpel noch immer keine Regung zeigt, also setze ich mich vor unser kleines Feuer, das vom Gaskocher kommt, und rede mit ihm. Normalerweise steht er dann sofort auf und sieht mich mitfühlend an. Doch an diesem Tag wird er das nicht mehr machen. Als ich ihn anstupse, bewegt er sich nicht mehr. Er ist tot. Mein einziger Freund ist nicht mehr. Der Kumpel der mit mir so viele Wege gegangen ist, hat seine letzte Reise angetreten.

Ich nehme meine Schaufel und hebe ein tiefes Loch aus. Keiner kann die Tränen zählen die ich weine.

Weit mehr als ein Jahr, war er immer bei mir. Viele schöne Stunden haben wir zusammen erleben dürfen. Nun hat er das Ende seines Weges erreicht.

Ich lege ihn in seine Lieblingsdecke, lege sein Halsband neben ihn, denn im Himmel muss das nicht mehr um seinen Hals sein. Auf meiner Melodica spiele ich ihm den Zapfenstreich. Auch wenn ich nicht religiös bin, knie ich vor seinem offenen Grab und bitte die Götter, dass sie ihm einen schönen Platz im Hundehimmel geben sollen.

Als Trost bleibt mir nur, dass ich versucht habe ihm eine schöne Zeit auf dieser Welt zu geben.

Das war ein trauriges Weihnachten. Soviel Enttäuschung und dann noch meinen besten Freund verloren.

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