Einsamer Geburtstag

By Fridolin Wirbelwind

Es ist der 15. Januar 1988. Noch zwei Tage bis zu meinem 30. Geburtstag und ich sitze hier im Schwarzwald in meinem Zelt. Letzte Nacht bin ich von Freiburg aus losgelaufen, ganz ohne Ziel. Mit meinen Geschwistern habe ich ja schon lange keinen Kontakt mehr, ich bin das schwarze Schaf der Familie. Also ist es egal, wo ich in zwei Tagen sein werde.

Zur Zeit bin ich fast alleine unterwegs, bis auf einen Rabenvogel, der sich in meiner Nähe schon einige Monate wohlzufühlen scheint. Um ehrlich zu sein, ist der Vogel, im Moment der einzige Freund den ich habe.

Im Frühjahr fand ich ihn, er war wohl aus seinem Nest gefallen, und ich habe ihn großgezogen. Nun folgt er mir auf meinen Wegen. Wenn ich per Autostop weiter will, dann stecke ich ihn unter meine Jacke, und ihm scheint das nichts auszumachen.

In den Sommerzeiten, wenn ich Pflasterbilder male, ist es auch sicher sein Verdienst, dass ich die eine oder andere D-Mark extra bekomme. Er tippelt rum, und krächzt in wundervollen Tönen, wenn jemand Geld in eine meiner Schalen wirft.

Da so ein Vogel ja auch alles frisst, ist es nie ein Problem ihn zu versorgen. Er bringt auch ab und zu mal einen dicken Wurm oder eine Made an, die er mir offeriert.

Nun ist es Winter und Krabatt bedient sich eben auch von meinem Teller.

Irgendwie haben wir uns verlaufen, und ich sitze mitten im Wald, keine Wege sind mehr zu erkennen, und ich habe keine Ahnung wo ich mich befinde. Alles ist zugeschneit. Zu Weihnachten waren wir noch eingeladen, aber dort gefiel es uns nicht wirklich, und so machten wir uns an Silvester auf nach Freiburg. Leider wurden wir diesmal dort nicht gut aufgenommen, und ich entschloss mich, dass ich über Frankreich nach Spanien weiter ziehen werde.

Eine Frau hat uns dann ein Stück mitgenommen und uns dann an einer Kreuzung abgesetzt.

Nachdem zwei Tage lang kein Auto aufgetaucht ist, das uns einen Lift angeboten hat, sind wir einfach durch den Wald gelaufen, in der Hoffnung, dass wir zur Autobahn gelangen.

Schon am ersten Tag beginnt es zu schneien. Ich kämpfe mich durch die dunklen Tannewälder und verlaufe mich natürlich.

Am ersten Abend stelle ich das Zelt auf, und hoffe, dass ich von irgendwoher Geräusche höre. Aber nichts ist. Alles was ich höre, sind die Töne der Natur. Das Blasen des Windes durch die alten Tannen, manchmal sind auch die krächzenden Laute anderer Krähen zu vernehmen, und jedesmal, wenn Krabatt dann losfliegt überkommt mich die Angst, dass er wohl nun für immer wegfliegen wird. Doch bis jetzt ist er immer zurück gekommen.

Nach seinen Ausflügen, kommt er immer ganz nahe an mich heran, wie um sich zu entschuldigen, dass er so lange fort war.

Krabatt ist wieder einmal unterwegs, und ich fache das Feuer wieder an, um mir eine Dose mit Linsensuppe warm zu machen. Brot habe ich schon seit einigen Tagen nicht mehr, aber egal, satt zu werden ist wichtig. Danach schmelze ich etwas Schnee in meinem Topf um mir einen Tee zu brühen.

Krabatt kommt an, und setzt sich ins Zelt, scheint, dass es auch ihm etwas kalt geworden ist.

Die Nacht kommt und ich spiele, wie so oft auf meinen Wanderungen, auf meiner Melodica ein paar Noten.

Danach rauche ich noch eine, kuschle mich in meinen Schlafsack und mache den Reissverschluß vom Zelt zu.

Nachts hat es noch mehr geschneit. Die Feuerstelle ist mit etwa 10 cm Schnee bedeckt. Da ich so garantiert nicht weitergehen kann, sammle ich noch einmal Bruchholz ein, und versuche mein Feuer wieder in Gang zu bringen. Krabatt hat irgendwie keine Lust seine tägliche Runde zu fliegen.

Mit Klopapier etwas Feuerzeugbezin und viel Geduld kann ich das Feuer dazu überreden mir etwas Wärme zu spenden. Es qualmt und Krabatt schreit laut um sich zu beschweren.

Doch leider kann ich den Rauch nicht abstellen. Krabatt beschwert sich krächzend und schlägt mit seinen Flügeln. Aber das ist genau das, was notwendig ist um den Rauch zu vertreiben und dem Feuer genug Luft zu geben um endlich nicht mehr nur zu rauchen, sondern auch Flammen zu erzeugen.

Ich schalte das Radio an, nur ein Sender bringt Musik und Krabatt fängt, wie so oft, an dazu zu tanzen. Mit geschmolzenem Schnee mache ich mir einen Instant-Kaffee, und werfe ein Würstchen in die Pfanne. Kaffee mag Krabatt nicht, aber von dem Würstchen nimmt er gerne ein Stück.

Danach fliegt er los, wer weiß schon wohin.

Nachdem ich das Geschirr wieder sauber gemacht habe, nehme ich wieder meine Melodica und übe.

Traurig, wie ich bin, trinke ich schon am frühen Morgen von dem Glühwein, den ich vor einigen Tagen geschenkt bekommen habe. Was soll’s schon, sitze ja eh hier fest.

Als es wieder anfängt zu schneien, überlege ich mir, was ich denn machen soll, wenn das so weitergeht. Meine Lebensmittel reichen noch für drei oder vier Tage. Also überlege ich mir was ich Morgen machen werde. Kompass und Karten habe ich verloren. So entscheide ich mich, an meinem Geburtstag, mich mit Hilfe der Sonne nach Westen zu gehen.

Es wird schon wieder langsam dunkel, als Krabatt zurück kommt. Ich rauche noch eine und verziehe mich dann auch ins Zelt. Die Nacht ist kälter, als die vorhergehenden. Mein Kumpel Krabatt setzt sich auf meine Beine, wie um mir zu sagen, dass ich nicht alleine bin.

Am Morgen öffne ich das Zelt, Krabatt fliegt los, und ich kann, hinter den dunklen Tannen die Sonne erkennen. Es sieht so aus, als ob dieser Tag ohne Schneefall beginnen würde. Nach unserem Frühstück packe ich das Zelt und die anderen Dinge ein und marschiere los. Um Krabatt mache ich mir keine Sorgen, kann ich ihn doch hören.

Nach ungemessener Zeit, beginnt sich der Himmel mit Wolken zu verschleiern, und es beginnt wieder zu schneien. Da ich weder Geräusche einer nahen Straße noch die einer Stadt hören kann, entscheide ich mich, mein Zelt nun hier, auf einer großen Lichtung, aufzuschlagen. Ist schließlich mein Geburtstag und ich mag Heute nicht weiter gehen.

Auf einmal höre ich Autos hupen, so packe ich wieder und versuche in die Nähe der Straße zu kommen.

Ein Wunder geschieht, nach etwa einer Stunde stehe ich an einem offiziellen Grillplatz. Die Straße ist nur etwa zwei Minuten zu Fuß entfernt. Super, denke ich für mich, vielleicht nimmt uns ja jemand mit in die nächste Stadt. Falsch gedacht, keiner hält an und als es anfängt zu dunkeln, gehe ich eben zurück zu dem Grillplatz.

Nun fängt es auch wieder an zu schneien. Mein Zelt aufbauen und die Umgebung nach Holz abzusuchen dauert nicht lange. An einem Abfalleimer finde ich eine Tüte mit Holzkohle. Na wenigstens etwas.

Krabatt fliegt los zu einem Schwarm anderer Krähen und ich mache derweil, mit Holzkohle und abgebrochenem und herumliegenden Holz ein großes Feuer.

Es ist schön, mal wieder eine große Wärmequelle zu haben. Das Feuer mache ich so groß, dass ich mich mit geschmolzenem Wasser waschen kann, ohne gleich zu frieren.

Da ich auf meine Reisen niemals eine Uhr dabei habe, gehe ich um Sonnenuntergang schlafen. Aber Krabatt ist noch nicht wieder da. Aber er kommt normalerweise, wenn ich eine bestimmte Melodie spiele.

So dauert es auch keine zehn Minuten, bis er wieder da ist, als ich „seine“ Musik spiele.

Ich gratuliere mir selber zu meinem Geburtstag und will mich schon in das Zelt zurück ziehen, als ich ein paar Scheinwerfer sehe, die auf den Grillplatz zufahren. Als das Auto hält springen ganz schnell zwei Frauen raus und verschwinden in der Natur.

Der Fahrer steigt auch aus und kommt auf mich zu.

Er fragt mich, was ich denn hier mache, und ich erzähle ihm wie wir hierher kamen.

Ganz dreist fragt er mich wieviel Geld er mir für Krabatt geben soll.

Da gehe ich in die Luft und frage ob er seine Freundin auch für Geld hergeben würde.

Nun kommen die Mädels wieder zurück und scheissen den Typen zusammen. Die holen dann auch ein paar Flaschen Wein und eine Flasche Obstler aus dem Auto und setzen sich demonstrativ zu mir an das Lagerfeuer.

Doch sind diese Art von Menschen nicht dafür geeignet, mit einem Penner zu reden, der schon die halbe Welt gesehen hat.

Es dauert nicht lange, da verabschieden sich die Frauen, nicht ohne mir vorher 20.- DM zu geben.

Als die Leute wieder weg sind, fällt es mir auf, dass ich meinen Geburtstag alleine feiern werde müssen. Aber das war ja auch schon so als Kind. Ich war immer eine Aussenseiter, der nicht einmal in der Familie Rückhalt hatte.

Doch ist das nicht so schlimm, ich mache den Obstler auf, und feiere mit Krabatt meinen 30. Geburtstag. Sehr einsam, war das. Andere bekommen zu so einem Tag eine riesen Party, aber mein Schicksal ist es eben dass ich meistens einsam sein muss.

Hat sich auch bis Heute nix geändert.

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