Ein Hundeleben

©by Fridolin Wirbelwind

Heute ziehe ich in meine neue Wohnung ein.

Okay, Wohnung ist nicht wirklich richtig, ist ein kleines Haus, ein sehr kleines Haus. Hier nennt man das ein Austragshaus.

Aber egal, es gibt hier eine Küche, ein Wohn- und ein Schlafzimmer. Dazu habe ich einen Keller, in dem eine kleine Werkstatt eingerichtet ist, und die Werkzeuge darf ich behalten.

Auch ist die Miete, ich spreche nun von 1985, mit 170,- DM für mich erschwinglich.

Mein Vermieter ist ein alter Mann, der schon lange keine Landwirtschaft mehr betreibt, da er keine Kinder hat.

Das Dorf ist „am Ende der Welt“, kein Bus und die nächste Bahnstation ist etwa 15 Minuten mit dem Mofa entfernt.

Doch eine Kneipe gibt es. Dort werde ich als NEUER erst Mal abgecheckt.

Am Anfang darf ich nicht an den Stammtisch, wenn ich mitreden möchte, dann muss ich mein Bier in die Hand nehmen und im Stehen mit den Leuten reden.

Immer wieder höre ich wie die Stammgäste über einen wilden Hund reden, der die Bauern auf den Feldern angeblich angreift.

Eines Tages bringt mir ein Freund einen Welpen, den seine Mutter nicht säugen möchte. Also mache ich mich daran ihn mit der Flasche zu ernähren.

Als der Kleine dann etwa drei Monate alt ist, bin ich mir sicher, dass ich es geschafft habe. Ich nehmen ich mit in die Arbeit und er liegt dann die meiste Zeit neben dem Faxgerät.

Als ich das Fellknäuel bekam, passte es in meine Hand.

Nun ist er so groß, dass ich eine Tasche brauche um ihn mitnehmen zu können. Mini ist ja ein reinrassiger „Straßenkanntenmischling“

Eigentlich ist er ja ein sehr freundlicher Zeitgenosse, nur wenn mein Boss ins Büro kommt, dann knurrt er etwas. Okay, aber darüber lachen auch alle, sobald der Chef wieder weg ist.

Doch so schlimm ist mein Boss auch nicht, er hat nun allen Mitarbeitern erlaubt ihre Hunde mit in die Arbeit zu nehmen.

Aber egal, wollte ja was anderes erzählen.

Also in dem Dorf gibt es eine Sage, dass dort ein Hund schon seit vielen hundert Jahren lebt. Er soll, angeblich, die Bauern zum Teufel führen, die andere übervorteilen.

An jedem Vollmond erscheint er und nimmt den schlimmsten Betrüger mit.

Da ich ja neugierig bin, habe ich mich also am nächsten Vollmond mit Mini auf die Lauer gelegt.

Mein Mini, war ja auch wirklich noch „mini“, er hatte die Größe von einem Dackel, damals.

Also wir gehen in die Felder, Herbstvollmond. Tatsächlich hören wir dann gegen Mitternacht das Heulen eines Hundes, und das kommt nicht von den Hunden im Dorf.

Ich sage meinem Kumpel, dass er sich hinlegen soll, und dann sehen wir etwas wundersames.

Etwa 100 Meter vor uns steht da ein riesiger Hund, der den Mond anheult.

Mini ist nicht mehr zu halten und sprintet auf das fremde Tier los.

Aber er bellt nicht böse, es hört sich eher an wie eine Begrüßung.

Das Monstertier dreht sich zu ihm um und legt sich hin.

Irgendwie zweifle ich gerade an meinem Verstand.

Nach einigen Minuten dreht sich das große Tier um, trottet davon und Mini kommt zu mir zurück.

Am nächsten Morgen zieht mein Kumpel seine Futterschüssel vor die Haustüre. Mir egal, ich muss zur Arbeit und auf dem Dorf muss ich auch keine Türe abschliessen.

Abends komme ich dann von der Arbeit. Oh man, was muss ich da sehen!? Pures Chaos in meiner Behausung.

Mini liegt auf dem Bett, eigentlich verboten, tut so als ob er schlafen würde. Die Küche ist ein Durcheinander.

Ok, ich denke, dass Mini einfach mal langweilig war und das angestellt hat.

Am nächsten Tag habe ich frei. An solchen Tagen schlafe ich auch mal länger als bis um sechs Uhr.

Normalerweise fahre ich so gegen sieben Uhr fort.

Um etwa 7:30Uhr höre ich ein Kratzen an der Haustüre. Da Mini noch neben mir auf dem Teppich liegt, kann das ja wohl schlcht von ihm kommen. Ich also raus aus dem Bett; Hose an und gehe zur Türe.

Da steht nun ein Hund, nein, eher ein hundeähnliches Monstertier, total verdreckt, und verkrustet. Ich brauche nicht lange um zu sehen, dass er nicht nur dreckig ist, sondern auch jede Menge Versundungen hat.

Sein ganzes Fell ist mit Blut verschmiert.

Mini schleicht sich von hinten an und quietscht, dabei habe ich doch gar nicht vor dem armen Wesen etwas anzutun. In meiner Jacke, die an der Garderobe hängt, habe ich immer Leckerlies, davon hole ich mir nun eine Handvoll, und biete die dem armen Wesen an. Der Kerl traut sich zuerst Mal nicht, doch als Mini dann anfängt Teile aus meiner Hand zu nehmen und sie ihm vor die Schnauze legt, fängt er an sie anzunehmen.

Hinten am Haus ist ein kleiner Garten und Mini lockt den fremden Hund nun an mir vorbei, dorthin.

Um das Tier nun nicht zu verunsichern, mache ich zwei Schüsseln mit Futter fertig und stelle sie raus. Um Wasser muss ich mich nicht kümmern, da ich einen kleinen Teich habe, der aus einem Brunnen gespeist wird.

Dies ist die erste Nacht in der Mini nicht im Schlafzimmer schläft.

Mit zwei Hunden im Haus, mache ich natürlich auch die Tür zum Garten nicht zu.

Am nächsten Morgen stehe ich auf und der fremde Hund liegt mit Mini unter dem Küchentisch. Keiner rührt sich, das finde ich natürlich super.

Während meiner Arbeit bin ich immer wieder mit meinen Gedanken Daheim. Ich male mir aus, was die beiden wohl anstellen werden.

Doch als ich nach Hause komme, bin ich überrascht, beide Tiere freuen sich als ich die Türe aufschliesse und springen an mir hoch.

Auch der fremde Hund lässt sich nun von mir streicheln und als ich das Abendessen fertig mache, sitzen beide neben mir, mit „diesem“ Blick.

Heute bin ich mal, entgegen meiner Überzeugung, auch mal bereit mein Essen mit den beiden zu teilen.

Anschliessend setze ich mich im kleinen Wohnzimmer auf den Boden vor dem TV und die zwei legen ihre Köpfe auf meine Oberschenkel. So kann ich nun endlich mal nachsehen, wie die Wunden des fremden Hundes aussehen. Er jammert auch nicht, als ich auf die verschroften Wunden komme.

Nach einiger Zeit kann ich mal wieder aufstehen, meine Beine sind schon eingeschlafen.

Ich hole einen kleinen Eimer mit lauwarmem Wasser, einen Schwamm und eine Salbe.

Zuerst versuche ich dem Vagabunden die Wunden zu säubern, und zu meiner Überraschung, lässt er sich das gefallen.

Er zeigt mir sogar, dass er es gut findet. Ich wasche ihm das Blut aus dem Fell, und rede mit ihm. Mini liegt daneben und fast meine ich, dass sich die beiden unterhalten.

Abends mache ich dann die Türe auf, um dem Vagabunden zu zeigen, dass er Jederzeit gehen kann, wenn er denn möchte.

Am nächsten Morgen öffne ich meine Augen, und sehe als erstes vier Hundeaugen.

Vagabund gefällt es wohl bei uns. Die beiden gehen erst raus, als ich die Kaffeemaschine anstelle, sind aber pünktlich zurück als mir meine Brote mache.

Natürlich habe ich nicht daran gedacht dass ich zwei Futterschüsseln machen sollte. Aber die fressen aus einer, ohne Streß und sehen mich danach an, jeder Hundebesitzer kennt den Blick, und ich mache noch eine Runde fertig.

Da ich ja normalerweise meinen Mini mitnehme, frage ich mich nun was ich denn mit Vagabund machen soll.

Hm, also Mini und Vagabund finden ganz schnell eine Lösung, die steigen beide in den Anhänger ein.

Oh man, was wird wohl mein Boss dazu sagen?

Aber diese Sorge muss ich mir gar nicht machen.

Normalerweise kommt mein Chef eine halbe Stunde nach mir an, ausgerechnet an diesem Tag muss der natürlich früher da sein.

Als er dann Vagabund sieht, ist er hin und weg. Nicht weil er Hunde mag, Nein, weil er es gut findet, dass ich diesem Tier helfen will.

Kaum eine Stunde später kommt mein Boss, und meint er muss mit mir reden.

Da sagt er mir, dass er alle Kosten für Vagabund übernehmen wird und er einen Tierarzt angerufen hat, damit mein neuer Kumpel untersucht wird und seine Spritzen bekommt.

Man, was bin ich überrascht, ein Mann, der geschäftlich ein knallharter Hund ist, zeigt auf einmal, dass er auch ein Herz hat.

Aber um auf die eigentliche Geschichte zurück zu kommen, die Sage, dass in diesem Dorf und den Wäldern wilde Hunde Bauern angreifen, das ist einfach immer noch nur eine Sage.

Der Vagabund, wurde gefoltert und als ihm dann die Flucht gelang, war er dann von den Menschen so enttäuscht, dass er lieber Menschen warnte, ihm zu Nahe zu kommen.

Vagabund, das war ein Mischling aus Wolf und Hund, irgend ein Irrer hat ihn damals ausgesetzt, nachdem er ihn halb totgeschlagen hat.

Der Kerl ist mit Mini fast 15 Jahre mein Begleiter gewesen.

Beide starben kurz hintereinander.

Es gibt noch viele Geschichten, die ich erzählen kann, was ich mit den beiden Kumpels erlebt habe.

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