Vergangen

By, Fridolin Wirbelwind

Langsam erwacht der alte Mann. Jedoch nicht, weil er ausgeschlafen ist, sondern weil ihn der Regen und kalter Wind geweckt haben.

Wie so oft in den letzten Jahren, hat er keine Erinnerung an den gestrigen Tag.

Er macht sich deswegen auch keine Gedanken, es ist eben, wie es ist.

Seit er seine Frau verloren hat, meinte Fortuna es nicht gut mit ihm. Seine große Liebe ist vor vielen Jahren gestorben. Nur ein altes Foto ist ihm nun geblieben. Mehr hat er nicht von ihr. Damals hat er den Boden unter seinen Füßen verloren. Vor lauter Kummer begann er zu trinken, mehr als gut für ihn gewesen war. Vor diesem Zeitpunkt war er an einer Universität angestellt, als Professor für Englisch und Geschichte. Einige Zeit haben ihn seine Vorgesetzten auch noch unterstützt und ihm nahegelegt, dass er einen Entzug machen soll. Doch er war so sehr in seinem Selbstmitleid gefangen, dass auch dieser Entzug ihm keine Erleichterung verschafft hat.

So ging es Stück für Stück Bergab. Zuerst verlor er seine Anstellung, danach die Wohnung. Zu stolz um Hilfe von einem Amt anzunehmen, versuchte er auf einem Campingplatz in einem Wohnwagen zu leben. Immer mit der Hoffnung, dass er bald wieder einen Job bekommen würde.

Nach einem Jahr musste er dann erkennen, dass er mit seiner Alkoholsucht nicht mehr an einer Uni arbeiten würde, also nahm er zuerst das Angebot an, auf dem Platz als Hausmeister zu arbeiten. Doch im Winter gab es nichts zu tun.

So begann er schon am Vormittag zu trinken. Zuerst nur Wein und Bier. Doch schon bald lernte er Leute kennen, mit denen er dann zur Mittagszeit einige Liter hochprozentiges in sich reinschüttete.

Bald verlor er dann auch diesen Job, und den Wohnwagen.

Was ihm blieb, waren das Foto, ein Zelt, seine Gitarre und der Hund. Als er dann auch noch begann, die anderen Camper um Essen, Geld und Alkohol anzubetteln, musste er auch den Campingplatz verlassen.

So ging er eines Tages los, seine ganzen Besitztümer in einer alten Reisetasche drin, ein paar Mark im Geldbeutel und hoffte, dass er in einer anderen Stadt ein neues Leben beginnen könnte.

Noch konnte er für sich und seinen Hund, Fahrkarten für die Bahn kaufen. Doch in der neuen Stadt ging es auch nicht so wie er wollte. Da er nun schon fast drei Jahre aus dem normalen Leben raus war, und ihm die Ämter nicht wirklich helfen konnten, da er nicht in eine Obdachlosenunterkunft sollte, in welche er seinen Hund nicht mitnehmen hätte dürfen, entschloss er sich weiterhin im Zelt zu leben.

Als sein Geld zu Ende ging, machte er sich auf den Weg zum Amt, dort bekam er täglich einen Tagessatz. Nicht genug um zu überleben. Also begann er schon morgens Schnaps zu trinken, um die Scham zu überwinden, dass er betteln gehen muss.

Er malte sich ein Schild auf welchem er um kleine Gaben bat. Wie sehr er sich doch geschämt hat.

Doch es reichte, um seinen Hund und sich über Wasser zu halten, mehr schlecht als recht.

Er begann immer mehr zu trinken, damit er sein Elend ertragen konnte.

Sein Hund, war und ist, sein bester Freund, und auch sein einziger. Stets sieht er zuerst nach diesem Freund.

Doch Heute ist ein noch schlimmerer Tag, mit „dem“ Leben hat er sich ja schon abgefunden.

Doch nun rührt sich sein einziger Freund nicht mehr. Er ist kalt und tot.

Dem alten Mann fallen die Tränen aus den Augen, denn nun ist er ganz alleine.

Wofür soll er nun noch leben? Er sucht und findet aber keinen Grund.

Mit seinen Händen buddelt er ein Grab für seinen Freund, legt ihn hinein und betet für ihn.

Dann geht er in die Stadt, an seine Ecke um zu betteln, wie er es soviele Monate vorher schon gemacht hat. Doch diesmal wird er für das Geld kein Hundefutter kaufen.

Er sitzt länger als sonst an seiner Ecke. Und wenn er nach seinem Hund gefragt wird, dann sagt er, dass er Geld für den Tierarzt braucht. Wie immer gibt es auch einige, wenige, Menschen die ihm Essen bringen.

Als es dunkel wird, geht er zu dem Ort, an dem sich mehrere Obdachlose treffen, um miteinander zu reden. Er verteilt seine Lebensmittel, seinen Schlafsack und sein Zelt, und behauptet, dass er eine Wohnung gefunden hätte. Als es dann auf Mitternacht zugeht, fühlt er sich dazu fähig, seinen Plan in die Tat umzusetzen.

Ehe die Läden schlossen, hat er sich eine Wäscheleine gekauft, die soll ihm nun helfen seinem Elend ein Ende zu setzen.

Er geht zu seinem Platz unter der Brücke. Trinkt noch einen großen Schluck aus der Flasche mit Fusel, stapelt Steine aufeinander, bindet das eine Ende der Leine an einen Querträger, betet noch einmal und hofft, dass er seine Frau nun wiedersehen darf.

Die Schlinge legt sich wie von ganz alleine um seinen Hals, die Steine unter seinen Füßen wegstossen, das tut ihm fast schon gut.

Am nächsten Morgen finden ihn Spaziergänger.

Dieser Mann war ein guter Freund von mir. Leider konnte ich ihm nicht helfen.

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