Lebenslu(a)st

By Fridolin Wirbelwind

Einige meiner Stammleser wissen ja nun schon eine ganze Menge über mich. Diesmal werde ich etwas schreiben, das den einen oder anderen tiefer berühren könnte.

Ich wurde als viertes von fünf Kindern im Januar 1958 geboren. Ein Wunschkind war ich nicht, weil ich ein Seitensprung meiner Mutter war.

Schon ehe ich zur Schule ging, war ich, wie man damals so sagte, melancholisch. Dass es sich um eine ausgewachsene Depression handelte hat niemand erkannt.

In meiner Familie war ich immer der Aussenseiter. Meine Mutter erzog mich sehr früh dazu im Haushalt zu arbeiten, ihre Haare zu machen und mich um sie alleine zu kümmern. Freizeit hatte ich fast gar keine.

Einzig mein Stiefvater zeigte Verständnis für mich, er lehrte mich auch schon sehr früh zu lesen. Als ich mit sieben Jahren endlich zur Schule durfte konnte ich schon lesen und das kleine Einmaleins. Zu meinem achten Geburtstag bekam ich von Papa die Geschichten von Mark Twain, Tom Sawyer und Huckelberry Finn; ein Buch über die Odysee und ein einen Sternenatlas.

Mein Papa ging auch mit uns Jungs in den Wald und erklärte uns die Natur und wie alles irgendwie zusammen spielen muss, damit wir überhaupt leben können.

Zuhause hatte meine Mutter die Hosen an. Damals gab es noch an jedem Freitag die Lohntüte. Mein Papa hat als Feinmechaniker gut verdient, jede Wochen waren, in den 1960ger Jahren, um die 300,- DM drin. Davon erhielt mein Papa „Taschengeld“, das waren 3,- DM jede Woche.

Solange mein Papa zur Arbeit war, musste ich: Wäsche waschen, Essen zubereiten, im Garten arbeiten und die Hausaufgaben meines älteren Bruders (fünf Jahre älter) machen.

In dieser Zeit empfing meine Mutter ihre Liebhaber. Dabei war es ihr auch ganz egal, ob wir Kids das mitbekamen oder nicht. Sie gab uns dann oft einen Kirschlikör, während sie sich vor uns Kindern mit Sex ihre Zeit vertrieb.

Vor Bekannten und Freunden gab sie gerne damit an, was ich doch alles kann. Ich sollte auch Akkordeon lernen, dabei wären mir Geige und Gitarre lieber gewesen.

Zudem konnte meine Mutter niemals mit Nachbarn oder Freunden umgehen. Die ersten sieben Schuljahre habe ich an mindestens 15 Schulen absolviert!

Als ich dann in die Pubertät kam und die ersten Mädchen zu mir einlud, hat sie viele von denen verprellt, indem sie sagte, dass Mädchen nicht erlaubt wären in meinem Zimmer, aber zugleich meinem kleinen Bruder (zwei Jahre jünger als ich) erlaubte seine Freundin mit in unsere Wohnung ziehen zu lassen.

Als ich dann beim Bund war, erzählte sie meiner Verlobten, dass ich diese nur heiraten wolle um nicht zugeben zu müssen, dass ich schwul wäre.

Meine Geschwister bekamen zum Geburtstag, zu Ostern und Weihnachten, Fahrräder, Mofas, Stereoanlagen und Urlaube geschenkt. Ich bekam Socken und Krawatten, schon als Kind mit 12 Jahren.

Alle meine Geschwister hatten eine riesen Party in einer Gaststätte, zur Konfirmation, meine wurde in der Wohnung abgehalten, ohne Gäste.

Mein kleiner Bruder bekam zu seinem 18. Geburtstag ein Motorrad, meine Schwester zu ihren 21. eine Wohnzimmereinrichtung, mein älterer Bruder mit 18 Jahren für ein Jahr seine 3-Zi-Wohnung bezahlt.

Ich bekam „eine“ Kinokarte, wohlbemerkt zu meinem 18. Geburtstag.

Als ich mit 19 zur Bundeswehr ging, hat meine Mutter meine Wohnung gekündigt, indem sie meine Unterschrift gefälscht hat.

Zu meiner Verlobten hat sie dann, knapp drei Wochen vor der Hochzeit, auch wieder gesagt, dass ich schwul sei und sie nur heiraten will, damit das niemand auffällt.

Als ich im Lotto gewonnen hatte, damals 500.000,- DM, kaufte ich meinen Eltern ein Ferienhaus in den Bergen. Mein Papa hat sich gefreut, meine Mutter meinte nur, ob das alles wäre was ich für sie über hätte.

Sie hat dieses Ferienhaus dann verkauft und mit ihrem Lover einen Urlaub in Amerika gemacht.

Dazu kommt noch, dass mein Papa mehrere Hirnschläge und Herzinfarkte überlebte, und immer wieder auf die Beine kam, weil er eine starke Person war.

Meine Mutter erkrankte an Krebs, als ich 14 war. Angeblich waren meine Geschwister ja nicht in der Lage sie zu versorgen, so habe ich also versucht ein Teenager zu sein, einen Stiefvater, den ich liebte und eine ungebliebte Mutter zu versorgen. Mein Stiefvater war ein umgänglicher Patient, die Mutter dagegen hatte meinen Papa schon lange aus dem Schlafzimmer verbannt und lebte mit ihrem Lover dort.

Nach einem achtstündigen Arbeitstag, musste ich dann noch die Wohnung in Ordnung halten, Medikamente stellen, Verbände wechseln und Kochen.

In meiner „Freizeit“ ging ich dann kellnern.

Da wir gerade bei Arbeit sind. Ich musste mit 16 Jahren eine Lehre als Einzelhandelskaufmann beginnen, da mir meine Mutter verboten hatte auf das Gymnasium zu gehen. Ich wurde, für die damalige Zeit gut bezahlt, aber meine Mutter hat jeden Samstag ihren Lover geschickt um einzukaufen und das wurde mir dann von meinem Lohn abgezogen.

So hatte ich am Ende von meinen 325,- DM Lehrlingsgehalt noch etwa 150,- über und davon musste ich noch für Kost und Logis 75,- DM abtreten.

Es dauerte viele Jahre, ehe ich mich daran machen konnte, ein normales Leben zu führen.

Doch auch nach so vielen Jahren, fällt es mir immer noch schwer, zu lachen.

Das was Ihr als Lebenslust bezeichnet, konnte ich nie erleben. Alles was ich mache muss einen Sinn haben. Doch kann ich mich am Lachen eines Kindes erfreuen, finde es schön, wenn mir auf der Straße Teenager begegnen, welche ihre erste Liebe geniessen, oder ein altes Paar, dass sich nach 40 – 50 Jahren noch immer an der Hand hält.

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