Ich, der Straßenköter

By Fridolin Wirbelwind

Lange habe ich Euch nichts mehr von mir erzählt. Wenn Ihr das lest, bin ich ja schon viele Jahre nicht mehr unter Euch. Aber wisst Ihr eigentlich, wie ich meinen Joachim damals kennen gelernt habe?

Was ehrlich, das habe ich Euch wirklich noch nie erzählt, dann wird es aber Zeit.

OK, setzt Euch gemütlich hin, schenkt Euch ein gutes Glas Wein ein und macht es Euch gemütlich.

Zu Joachim möchte ich Euch nun noch sagen, dass er damals, und ich hoffe dass er es noch immer ist, kein Mensch war, den man mit den Massstäben eine Durchschnittsmenschen messen konnte.

Aber nun beginne ich endlich mir der Geschichte.

Einen Namen hatte ich nie, außer dass mich Joe, so nannte man ihn meist, stets als „Kumpel“ anredete.

In den frühen 1990er Jahren kam ich zur Welt. Meine Mutter war eine Streunerin in Portugal. Sie lehrte mich wie man einen Mülleimer nach Futter durchsuchen konnte. Alles in Allem lebte ich ziemlich gut, für einen Straßenköter. Dann kam der Tag als Menschen mein ganzes Rudel einfingen, ich habe nie erfahren was mit ihnen passiert ist.

Aber ab diesem Tag meidete ich Menschen bei Tag. Ich versteckte mich solange die Sonne am Himmel stand und kam nur nachts aus meinem Versteck. An vielen Orten wurde ich von anderen Hunden angegriffen, und so zog ich einfach immer weiter.

Eines Tages kam ich dann an einem großen Wasser an. Das konnte ich aber nicht trinken, es war zu salzig. Doch in der Nähe war ein kleines Dorf. Dort waren wenige Menschen und fast keine Hunde. Einer der Menschen stellte abends immer etwas zu essen und Wasser vor sein Haus. Der Mann war schon sehr alt, und freute sich wenn wir Streuner bei ihm vorbei kamen. Er redete auch viel zu uns, er muss einsam gewesen sein, denn niemals sah ich andere Menschen in seiner Nähe.

So vergingen die Jahre, viele Jahre. Der Mann wurde immer älter, und eines Abends war er nicht mehr da. Es roch immer noch nach ihm. Als dann ein großes Auto kam, aus dem dann Männer mit Netzen ausstiegen, wusste ich, dass ich mich verstecken muss. Also lief ich zu dem Ort, den der alte Mann immer seine Zuflucht nannte. Es war ein altes Fischerboot, das schon viele Jahre nicht mehr auf See gewesen war. Dort versteckte ich mich, bis ich keine Menschen mehr hören konnte. So blieb das einige Tage, an denen ich mich nur in das Dorf traute, wenn alle Lichter aus waren. Ich trank dann am Brunnen und durchsuchte die Mülleimer. Es war nicht schlecht, auch wenn es hätte besser sein können.

Dann kam der Tag. Die Sonne ging gerade unter und ich wollte mich auf den Weg ins Dorf machen. Da hörte ich einen Menschen kommen. Ich also zurück ins Boot, vielleicht hatte der Mensch ja vor mich zu fangen.

Dieser Mensch setzte sich auf den Sand und begann Musik zu machen. Er saß einfach da und sah zu wie die Sonne im Meer versank. Dann nahm er einige Dinge aus einer Tasche, legte sie auf den Boden und setzte sich hin. Er redete mit sich selber, machte etwas mit seinen Händen und dann machte er doch Feuer, in der Hand. Kurz darauf pustete er graue und übel riechende Wolken aus seinem Mund. Dann holte er noch eine Flasche aus seinem Gepäck, trank einen Schluck und fing dann an zu singen. Leute fragt mich nicht, es war nicht besonders schön.

Aber es fühlte sich für mich schon angenehm an, da er viel Gefühl in seine Lieder legte.

Kurz danach ging der Mensch los und sammelte Holz, schichtete es auf und machte ein Feuer. Irgendwie war das schon schön. Dann spielte er wieder Melodien auf seinem Instrument und es wurde mir warm um meine Seele. Als das Feuer fast aus war, nahm er ein Stück Fleisch und legte es in die Glut, man, mir lief das Wasser die Lefzen herunter.

Als er dann anfing zu essen, hielt mich nichts mehr. Ich schlich langsam auf den fremden Menschen zu. Als er mich sah, nahm er ein Stück und warf es mir zu. Hunger hatte ich ja schon, also kroch ich langsam auf das Stück Fleisch zu. Der Mensch am Feuer beachtete mich gar nicht, das machte mich mutig. Also bin ich hin, habe das Stück sofort verschlungen und wollte mich dann in mein Versteck begeben.

Da rief der Mensch ein paar Worte, die ich damals noch nicht verstehen konnte, und warf mir noch so ein Stück Fleisch hin. Seine Stimme war angnehmer wenn er redete, als wenn er versuchte zu singen. Sie war warm und freundlich. Also traute ich mich auch etwas näher zu ihm hin. Doch auch wenn ich diesen Menschen als freundlich empfand, vorsichtig sein ist wichtig, wenn man alleine unterwegs ist. So hielt ich Abstand. Der Mensch warf mir immer wieder etwas zu und redete in ruhigen Worten mit mir. Also entschloss ich mich, zu versuchen ihm zu vertrauen.

Irgendwann war das Essen alle und ich wirklich satt. Da nahm der Mensch eine Schale und füllte sie mit Wasser, stellte sie etwas entfernt des Feuers auf und zeigte immer wieder mit der Hand darauf. Langsam ging ich darauf zu und roch daran. Es war gutes, und nicht salziges Wasser. Und da der Mann sich nicht weiter um mich kümmerte, ging ich hin und trank. Ich kann Euch gar nicht sagen wie toll ich mich fühlte, endlich ein Mensch der mich nicht fangen wollte, und mir dazu noch Essen und Trinken gab.

Zu der Zeit war ich ja schon einige Jahre alt, hatte viele Schläge und Steine abbekommen; doch dieser Mensch schien mir anders zu sein.

Als er sich dann hinlegte, und die Augen zumachte, schlich ich mich näher zu ihm hin. Ich schnüffelte um ihn herum, aber Gefahr konnte ich nicht erkennen. So legte ich mich, nicht weit von ihm, auch hin und versank in einen angenehmen Schlaf.

Als Joe dann aufwachte, noch ehe die Sonne aufgestanden war, wollte ich eigentlich weglaufen, doch etwas sagte mir, dass dieser Mensch keine Gefahr für mich ist.

Also setzte ich mich nur hin und sah ihm zu wie er das Feuer wieder aufflammen lies. Nachdem er sich dann im Meer gewaschen hatte, gab er in die Schale frisches Wasser und redete auf mich ein. Da er immer wieder „Kumpel“ sagte, nahm ich an, dass er mich meinte. Als das Feuer wieder groß war, steckte er Fleisch auf ein Stück Holz und hielt es in die Flammen.

Dann sagte er etwas: „Kumpel, hast sicher auch Hunger, noch einen Moment, dann frühstücken wir.“ Der Ton war so … ich kann es Euch nicht sagen, aber ich ging zu diesem Menschen und legte mich neben ihm hin. Ich war überzeugt, dass er mir nichts Böses will.

Er teilte sein Essen mit mir, roch gut, und redete in einem Ton, den ich bis dahin von Menschen nicht kannte.

Als die Sonne dann aufging, nahm er mich in seine Arme und meinte: „Was meinst Du, Kumpel, gehen wir ein Stück des Weges zusammen?“ Die Worte habe ich damals nicht verstanden, jedoch den Sinn.

Als Joe dann seine Sachen eingepackt hatte, stand er da und bedankte sich bei mir, dass er eine Nacht einen Kumpel hatte, mit dem er reden konnte.

So ging er dann los, und ich überlegte mir was ich machen möchte. Sollte ich mit ihm gehen, in eine ungewisse Zukunft oder alleine weiter herum streifen? In meinem ganzen Leben hatte ich nie einen menschlichen Freund, und da dieser hier, mich mit Essen und Wasser versorgt hatte, entschloss ich mich, mit ihm zu gehen, ich konnte ja immer noch alleine weiter ziehen.

Also folgte ich dem Mann. Am ersten Tag erreichten wir eine kleine Stadt. Mein Joe setzte sich dort an einer Straße hin, packte eine Pappe auf, auf welcher etwas stand und ich legte mich zu ihm. Ganz schnell waren einige andere Menschen da, die Joe Geld und Essen für uns beide gegeben haben.

Dann kam ein Mensch der sehr lange Haare hatte. Der fragte meinen Joe, ob wir Hunger haben würden. Da meinte dieser, dass der Mensch mich fragen müsse. Der Mann lachte dann und sagte, dass er gleich wieder da sein will.

Der Mann kam dann wirklich wieder. Mit super Fleisch und lud uns dann auch noch in seine Wohnung ein. Mensch kannst Du verstehen, wie es ist, das erste Mal in einer Wohnung zu sein? Kein Fluchtweg, nur mein Joe, an den ich mich dann ganz dicht herandrängte. In der Wohnung waren auch noch viele andere Menschen, darunter so ganz kleine. Die konnten nicht einmal laufen, und machten sich selber voll. Aber die lachten immer, wenn ich in ihre Nähe kam.

Am nächsten Morgen wollten die neuen Menschen dass wir bleiben sollten, bei ihnen wohnen und so weiter. Aber das war nichts für uns. Joe und ich, wir wollten weiter, keine Ahnung wohin, aber einfach weiter.

So hat uns dann der Mann mit den langen Haaren zur Bahn gebracht, uns zwei Tickets bis Paris besorgt, eine große Tasche mit Essen und Wasser mitgegeben und meinen Joe und mich umarmt, als ob wir sein Leben gerettet hätten.

Sicher hatte ich schon einmal einen Zug gesehen, doch bis zu dem Tag war das immer ein Feind für mich.

Es war alles so fremd, und dann kam auch noch ein fremder Mann auf uns zu, der meinen Freund unfreundlich und laut angesprochen hat. Da beugte sich mein Kumpel zu mir runter und redete mir so viel ins Ohr. Als er dann seinen Gürtel nahm und mir diesen um den Hals legte, dachte ich, dass auch dieser Mensch mich verraten hat und ich nun dahin komme, wo kein Hund je zurück kommt. Doch ich hatte falsch gedacht. Mein Mensch zeigte mir, wie ich an so etwas gehen soll. Und dann stiegen wir in den Zug. Man, kann sich ein Mensch vorstellen, wie das ist? Der Boden unter mir hat vibriert, ich merkte, dass ich mich bewegte, und am Fenster flog die Welt an mir vorbei.

Doch mein Joe war da. Und immer wenn ich angst hatte, durfte ich auf seinen Sitz springen. Ach ja, ich glaube, dass Ihr noch gar nicht wisst was für eine Hunderasse ich war. Die meisten von Euch kennen doch sicher einen Schäferhund, das sind Zwerge gegen mich. OK, genug geprahlt,

Zuerst war in unserem Abteil ein Mann, der stank, Nein er roch nicht, er stank. Er erinnerte mich an die Misthaufen, die ich oft sah. Mein Mensch roch auch nicht immer frisch gewaschen, geht ja auch nicht wenn man immer unterwegs ist, aber dieser Mensch, igitt. Dann stieg eine Familie mit Kindern in unser Abteil. Das war lustig, die Kids fanden es gut, dass ich, als so großer Hund, mich von denen kitzeln lies. Aber seid doch ehrlich, ich war doch für die Kinder fast so groß wie ein Monster aus einem Märchen, die haben sich gefreut, und wenn ich ehrlich bin ich auch. Die Erwachsenen hatten Angst vor mir, und die Kids spielten. Gibt es etwas schöneres?

In Madrid mussten wir dann umsteigen. Hierhin und dahin. Mein Joe sprach ja auch kein Spanisch. Aber dann kam eine Frau auf uns zu, mit einem Spaniel, welche die Sprache meines Menschen sprach. Die Hundedame mochte ich nicht, zu arrogant. Aber die Menschenfrau war lieb.

Als wir an einem Bahnhof anhalten und warten mussten, ging die Frau los und besorgte Wasser für uns Hunde und etwas, das sie als Blubberbrause bezeichnete.

Mein Mensch mochte die Frau schon sehr gerne, aber als wir dann in Paris aus dem Zug raus sind, hat er ihr gesagt, dass er ein Vagabund ist, und keine Heimat kennt.

Die Worte habe ich damals nicht verstanden, aber den Sinn dahinter.

In Paris, haben wir uns dann zuerst durch die Stadt begeben. Da hatten wir dann wieder das Problem mit einer Leine und einem Halsband. Bis jetzt reichte es, dass mich mein Mensch an seinem Gürtel führte. Doch nun hatte mein Joe große Probleme. Er musste ein Halsband für mich besorgen.

Er ging also los und suchte eines für mich, aber sein Geld reichte nicht aus. Betteln durfte er auch nicht, also gingen wir in das Künstlerviertel. Dort roch es sooooo gut. Aber wir hatten ja fast kein Geld mehr. Trotzdem ging Joe los, und kaufte für mich Futter. Leider war es wohl nicht sein Geschmack, denn obwohl ich mein Essen mit ihm teilen wollte, hat er nix davon gegessen.

Dieser Mensch war auch immer der einzige der mich anfassen durfte, außer Kindern. Ich war schon alt, als ich ihn kennen gelernt habe. Und Freunde, ich war bis zu meinem Tod bei ihm, ich durfte bei ihm sein. Wir haben viel erlebt, auch viele schlimme Dinge.

Es gab Tage an denen ich meinen Freund verteidigen musste, und andere an denen mein Mensch für mich gerade stand. Wir wurden beide schon angeschossen, bekamen Messer zu spüren, waren dem Tod schon näher als dem Leben, aber wir waren Freunde.

Wie es mit meinem Leben zu Ende ging, das werde ich nun erzählen.

Wir kamen in der Geburtsstadt von Joe an. Der Bahnof ist fast mitten in der Stadt.

Mir ging es schon im Zug gar nicht gut. Also wir stiegen aus, und mein Joe erklärte mir wo er einst lebte.

Es war schön für mich, zu hören wo mein Joe früher gelebt hat, wie gerne wäre ich damals schon sein Freund gewesen. Doch das Leben ist eben nur eine kurze Spanne. Ich versuchte mich stark zu zeigen, doch Joe erkannte, dass ich nicht mehr so fit war. Also ging er immer sehr langsam. Und dann passierte etwas.

Ein Mensch rempelte meinen Kumpel an, ich stellte mich vor ihn hin. Auf einmal waren da dann viele Menschen die Joe angeschrien haben. Einer hatte auf einmal ein Messer in der Hand und wollte meinen Freund damit angreifen.

So ging mein Leben zu Ende. Mein Joe war dabei, als ich keine Kraft mehr hatte um zu leben.

Ich war ein Vagabund, und er beste Freund den ich in meinem Leben hatte war auch ein Vagabund.

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