Ein Engel

© y Fridolin Wirbelwind

Ihr kennt ihn ja nun schon, den älteren Herren, der immer wieder einmal an die Vergangenheit erinnert wird.

Manchmal wird er dann melancholisch, und sehr selten auch etwas traurig.

Dies ist nun eine Geschichte die ihm so die eine oder andere Träne in die Augen treten lässt.

Es ist schon sehr lange her. So lange, dass viele von Euch noch nicht einmal auf der Welt waren, als sich dies ereignete.

Noch Heute kann er sich gut erinnern, auch wenn er es gerne vermeiden möchte.

Damals war er elf Jahre alt, und schon wieder an einem neuen Ort, und in einer neuen Schule.

Ein Ort auf der Schwäbischen Alb, dort wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

Drei Bauernhöfe, eine Kirche und ein Gasthaus. Kein Bus, außer dem der die Kinder in den nächsten Ort zur Schule brachte. Morgens um 6.00 Uhr hin und Mittags gegen 14.00 Uhr einer zurück. Bis zur Haltestelle war es ein Fußweg von 20 Minuten.

Ja, da war er also, auf einem alten Bauernhof, mit Außenplumpsklo und nur zwei Kindern in seinem Alter im Dorf.

Dann kam der erste Tag in der neuen Schule.

Er wurde ja evangelisch erzogen, und hatte so mit den Heiligen oder Namenstagen nicht wirklich etwas am Hut.

Das erste was ihm der Rektor, der auch sein Klassenlehrer war, erklärte, dass es an dieser Schule nur katholischen Religionsunterricht gäbe und er sich gefälligst zu diesem einzufinden habe. Auch wurde jeden Morgen ein Vaterunser in den Klassen gebetet und jeder musste sich bekreuzigen, ehe der Unterricht begann.

Da wurde er in seine neue Klasse gebracht, ehe er vorgestellt wurde, sagte der Rektor, dass sich seine Klassenkameraden um ihn kümmern sollen, damit er nicht in die Hölle komme würde.

Hat ihn echt total verunsichert. Dann bekam er seinen Platz, an einem Vierer-Tisch, da durften doch tatsächlich Jungs und Mädchen zusammen sitzen.

Lustig war, dass dort der einzige freie Platz in der ganzen Klasse war.

So weit fand er das alles noch nicht wirklich gut. Die ganzen anderen Kinder waren Töchter und Söhne von Bauern. Nicht nur, dass ihn die Kleidung, Gummistiefel und alte Stoffhosen und -hemden, irritierten, und die Mädchen alle mit Zöpfen und einer Art Dirndl herum liefen.

Das schlimmste von allem, war der Geruch.

Aber daran kann man sich ja gewöhnen.

Als er an seinen Platz ging, war da noch ein Stuhl frei, als er dann sah, wer auf diesem Stuhl seinen Platz hatte, war er doch sehr überrascht.

Es klopfte an der Türe und herein kam, wie es ihm damals vorkam, ein Engel.

Sie entschuldigte sich beim Rektor und ging direkt auf unseren Tisch zu.

Sie hatte sehr lange blonde, lockige Haare, war etwa so groß wie er, dunkelgrüne Augen, und ein Lachen … unbeschreiblich.

Was der Lehrer vorne erzählte, das hat er damals gar nicht registriert.

Dann kam die große Pause.

Er stand alleine rum, denn für die anderen Kinder, war er doch nur der Neue aus der Stadt. Hatte er doch keine Ahnung wie und wann man die Kühe melken muss, oder warum einige Sauen nicht aus dem Stall durften oder wie man einem Huhn den Garaus macht.

Das sahen die Mädchen von seinem Tisch und gingen auf ihn zu. Der „Engel“ sprach den Jungen als erste an.

Sie sagte ihm, dass er sich nichts aus den anderen Jungs machen soll, die kennen eben nur ihre Bauernhöfe und sonst nichts.

Die nächste Stadt, mit immerhin 2500 Einwohnern, sei das schon ein Abenteuer für die. Sie selber sei die Tochter vom Bürgermeister und möchte auch ganz schnell weg.

Die Pause war Zuende und als nächstes war Religionsunterricht dran. Mein lieber Scholli, da kam ein Mönch rein und verlangte als erstes, dass wir alle einen Rosenkranz beten sollten. Der Junge hatte natürlich weder einen Rosenkranz noch eine Ahnung was er sonst machen sollte.

Als der Mönch ihn dann ansprach, warum er nicht mit beten würde, sagte der Junge, dass er ein Protestant sei und keinen Rosenkranz kennt noch an die ganzen Heiligen glauben würde, da in den Zehn Geboten ja stehe, dass es außer Gott keine anderen Götter gibt und er das nicht gut findet, wenn man andere Menschen mit Gott auf eine Stufe stellt.

Der Mönch kam an und gab ihm eine deftige Watschn. Dann sagte er etwas wie, dass er mich Sünder schon noch auf den richtigen Weg bringen würde, und wenn es das letzte wäre, das er auf dieser Welt macht.

Der Junge musste den Rest der Stunde in der Ecke stehen, mit dem Gesicht zur Wand.

Nach Religion gab es Zeichnen. Klar hatte unser Junge noch gar nichts dabei, weder Zeichenblock noch Stifte oder andere Farben. Die Mädchen an seinem Tisch gaben
ihm einen Zeichenblock und teilten die Wasserfarben mit ihm. Das Thema war, die Insel von Robinson Crusoe zu malen, wie er den Sünder Freitag zu einem Christen macht.

Man, wo war er da nur hingeraten!

Sein „Engel“, stupste ihn mit dem Fuß an und flüsterte, dass er nur einen weißen, einen schwarzen Mann und ein großes Kreuz darüber malen sollte, das wäre wohl genug.

Sie hatte Recht. Der Rektor lobte ihn sogar und sagte einige dumme Sätze.

Endlich war die Schule aus. Das Mädchen stieg mit in den Schulbus, setzte sich neben ihn und plapperte drauf los. Sie meinte, dass sie ja eigentlich gar nicht mit dem Bus fahren müsse, aber ihr Onkel der Fahrer sei und sie so eben etwas später nach Hause kommen würde.

Er stieg aus und schlenderte langsam zu dem alten Hof. Dabei ging ihm das Gesicht und die Stimme von seinem „Engel“ nicht aus dem Sinn.

So verging die erste Woche, und das Mädchen hielt sich noch immer gerne in seiner Nähe auf.

Damals ging man auch noch am Samstag in die Schule. Auf diesem Dorf, gingen damals alle Klassen in die Kirche. Das würde wohl ein Desaster werden, dachte der Junge so bei sich. Doch das Mädchen half ihm, keine Fehler zu machen. In der Kirche saßen Jungen und Mädchen getrennt. Links die Mädels und rechts die Jungs. Sie setzte sich zwei Reihen vor ihm direkt an den Gang, so dass er sie immer sehen konnte. So zeigte sie ihm immer was er tun soll, um nicht aufzufallen. Nur als ihm übel wurde von dem Weihrauch, konnte sie ihm nicht helfen.

Als endlich der Gottesdienst vorüber war, ging sie etwas schneller als die anderen und suchte dann einen Weg, dicht bei ihm sein zu können.

Draußen mussten sich dann alle in Zweiergruppen finden und sich an der Hand halten. Was ein Zufall, dass dieses Mädchen gerade in diesem Moment neben dem Jungen stand. Sie nahm ganz fest seine Hand, sah ihn von der Seite an und blinzelte.

Wieder in der Schule ging es in die Turnhalle, natürlich getrennt nach Mädchen und Jungs. Da er für sein Alter schon etwas größer war, durfte er beim Korbball, den Angriff leiten. Doch zuerst gab es eine Stunde Zirkeltraining.

Zum Wochenabschluss musste dann noch jeder erzählen, was er oder sie am Wochenende so vorhat. Die meisten Jungs erzählten davon, dass sie den Eltern auf dem Hof helfen würden, die Mädchen etwas von der Mutter in der Küche helfen nur der „Engel“ meinte, dass sie lernen würde um die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium bestehen zu können. Dann wurde der Junge befragt, er meinte, dass er wohl einige Briefe an seine Brieffreunde in Amerika und Australien schreiben würde. Da gab es ein großes Gelächter, und der Rektor meinte, dass man keine Freunde haben könnte, die man nicht kennt.

Als sie dann an der Bushaltestelle standen, kam das Mädchen auf den Jungen zu, stellte sich vor ihn hin und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Oh, was war das für ein Gefühl!

Sie konnte diesmal leider nicht mit im Bus fahren, da ihr Papa schon mit dem Auto wartete um sie zum Klavierunterricht zu fahren.

Die ganze Fahrt über dachte der Junge nur an diesen süßen Kuss. Er konnte ihn sogar fühlen, noch viele Stunden später.

Als sie dann in dem Kaff ankamen, wurde er gleich von dem dicksten Jungen zur Seite gedrängt und beschimpft. Er meinte, dass sich unser Junge von den Mädchen fernhalten soll, denn Gabriele wäre schon seine Freundin, schlug ihm bei diesen Worten mit der Faust ins Gesicht und meinte, dass er davon noch mehr hat.

Unser Junge sah den anderen an und entgegnete, dass er wohl gut zuschlagen könne, aber sonst nicht viel drauf hat.

Darauf wurde er von den zwei anderen Jungen festgehalten und von dem Dicken mit Fäusten und Füßen verhauen. Das Ergebnis war eine gebrochen Nase, ein fehlender Zahn und viele, sehr viele, blaue Flecken, eine gebrochen Rippe und eine kaputte Brille, dazu ein blaues Auge.

Dann kam der Montag, der Dicke stand mit seinen Freunden am Bus und meinte, dass das nur der Anfang war, er habe noch mehr zu geben.

Unser Junge sagte nichts, er war ja alleine.

In der Schule musste er dann zum Rektor gehen, der fragte woher das blaue Auge wäre. Der Junge sagte kein Wort. Weil er nichts sagte, gab ihm der Rektor eine Strafarbeit auf, er musste 100 Mal schreiben, dass er sich nicht prügeln darf.

Er muss schlimm ausgesehen haben, denn als er die Klasse betrat, war es auf einmal totenstill. Gabriele stand auf, nahm ihn bei der Hand und zog ihn zu ihrem Tisch.

Nun gab es die Runde, in der jeder erzählen sollte was so am Wochenende geschehen war. Als unser Junge an der Reihe war, dachten allen, dass er über seine Verletzungen sprechen würde, doch das tat er nicht. Er sprach darüber, dass sein Onkel aus Amerika sich für das nächste Wochenende angekündigt habe und einen seiner Cousins mitbringen würde.

Dann gab es wieder eine große Pause, Gabriele und die Mädchen seines Tisches fragten warum er nicht erzählt habe, wer ihn verhauen hat. Er meinte nur, dass das doch nur Rache wäre, und ihm nicht helfen würde.

Ab dem Moment gingen die Mädchen von seinem Tisch, alle mit ihm Hand in Hand, wenn es möglich war, und am nächsten Samstag setzten sich einige Mädchen in die Reihen der Jungs, einfach so.

Nach, zum Glück, nur drei Monaten entschloss sich die Mutter unseres älteren Herren dazu, wieder in eine Stadt zu ziehen, mit fließend Wasser, einer Toilette mit Wasserspülung und Menschen, welche nicht nur den eigenen Teller sehen.

Noch viele Monate waren unser Junge und die Gabriele befreundet, sie schrieben sich fast täglich Briefe und genossen es, dass sie eine Freund haben, dem sie alles erzählen konnten.

Nun habe ich Euch viel erzählt, doch den Grund, warum ich diese Geschichte erzähle, den kennt Ihr noch nicht.

Es gibt mehrere Gründe. Einer davon ist, dass die Liebe nicht nach dem Alter fragt, nur wie man Liebe auslebt, das ist, je nach Alter, unterschiedlich.

Ein anderer Grund ist, das echte Liebe, noch lange existieren wird, nachdem sie eigentlich schon vergangen ist.

Nun gebe ich Euch aber die wirkliche Auflösung.

Gabriele litt an einer Blutkrankheit, Leukämie, damals konnte man noch nichts dagegen machen.

Doch Nein, sie starb nicht an ihrer Erkrankung, sie wollte ihrem Bruder damals bei der Ernte helfen, und wurde von einem Trecker überrollt.

Einige Worte von ihr werde ich immer in meinem Gedächtnis behalten.

Einen Satz, den sie damals sagte, finde ich immer noch passend.

Wenn Du frei sein willst wie ein Vogel, dann sei niemals der im Käfig.

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