STELL DIR VOR!

By Fridolin Wirbelwind

Du lebst hier, hast einen Arbeitsplatz, Frau und Kinder.

Morgens schaltest Du das Radio und das Licht an.

Gehst dann ins Bad, mit fließend Warm- und Kaltwasser. Der Elektrorasierer ist aufgeladen und die Kaffeemaschine blubbert vor sich hin.

Das alles in einer, mehr oder weniger, gut ausgestatteten Wohnung. Nach dem Frühstück setzt Du Dich in Dein Auto um zur Arbeit zu fahren.

Dort triffst Du Arbeitskollegen und quasselst etwas.

In der Pause siehst Du auf Dein neues Smartphone und liest die E-Mails, oder chattest mit Freunden.

Nach acht Stunden setzt Du Dich wieder in Dein Auto und fährst über gut ausgebaute Straßen in Deine Stammkneipe. Dort angekommen triffst Du auf Freunde und trinkst einige Gläser.

Nun gehst Du nach Hause, dort warten Deine Frau und die Kinder schon auf Dich.

Es wird zusammen gegessen und über den Tag geredet. Auch darüber was man gerne ändern möchte oder sich wünscht.

Jeden Monat bekommst Du Geld auf Dein Bankkonto, vielleicht verdienst Du sogar so viel, dass Du eine Kredit-Karte hast, und fährst mindestens einmal im Jahr in Urlaub.

So geht das viele Jahre. Die Kinder werden größer, und Dein Wohlstand hat sich vermehrt.

Dann ändert sich etwas. Die Regierung wird zu einem diktatorischen System, und Deine offene Meinung bringt Dich und Deine Familie in Gefahr.

Andere Länder beginnen damit Bomben zu werfen, und es geschieht immer wieder, dass Du mit Deiner Familie im Keller verschwindest, zu jeder Tages- oder Nachtzeit.

Und weil Du nicht mit der Regierung einverstanden bist, musst Du nun auch Angst haben, vor den Regierungstruppen.

Jede Minute denkst Du darüber nach, wann sie wohl kommen werden, die Regierungstruppen oder die Rebellen und Dich und Deine Familie vor Gericht stellen werden, oder gar gleich hinrichten?

Eines Tages entscheidest Du, dass Du alles zu Geld machen willst, um mit Deiner Familie flüchten zu können. Für den Fall, dass Ihr getrennt werdet, kaufst Du noch für jeden ein neues Smartphone, damit Ihr wenigstens Kontakt halten könnt.

Über die erste Grenze kommt Ihr noch ganz gut. Doch noch hast Du keine Ahnung wie es weiter gehen wird.

Da bietet Dir ein Typ an, dass er Dich mit Deiner Familie über das Meer in ein sicheres Land bringen kann. Leider hast Du nun aber schon soviel Schmiergeld bezahlen müssen, um nicht ermordet zu werden, dass nur noch einer von Euch diese Überfahrt auf sich nehmen kann.

Wer soll nun in das sichere Land gehen?

Die Frau, die gerade mal noch so einen Fuß vor den anderen setzen kann?

Oder vielleicht Du selber, aber dann wäre der Rest Deiner Lieben schutzlos?!

Vielleicht kannst Du ja auch mit dem Typen reden und er nimmt zwei der kleineren Kinder zum Preis eines Erwachsenen mit?

Die Entscheidung fällt Dir schwer, und mit Tränen in den Augen verkündest Du, dass der älteste Sohn die gefährliche Reise antreten soll. Auch er ist noch nicht wirklich erwachsen, aber er hat die größten Chancen alle zu überleben.

Du gibst ihm Euer letztes Geld, in der Hoffnung, dass er an einem Ort ankommt, wo er sicher ist, und vielleicht Dich und den Rest der Familie nachholen kann, bis der Krieg vorbei ist.

Du verabschiedest Dich von Deinem Sohn, mit vielen guten Wünschen und jeder Menge Tränen. Noch ein Segen und Euch bleiben nur noch Hoffnungen auf eine bessere Zeit.

Der junge Mann wird von dem Typen abgeholt, und mit vielen anderen auf ein total überladenes Schlauchboot gebracht.

Als sie nun schon einige Stunden unterwegs sind, ohne Wasser und Essen, zusammen gepfercht wie die Sklaven damals, verliert das Schlauchboot Luft.

Alle an Bord bekommen Angst. Einige mutige Männer gehen ins Wasser und halten sich nun von außen am Boot fest.

Der Sohn sieht in der Ferne ein Schiff. Er ruft den anderen zu, dass sie sich bemerkbar machen sollen.

Dieses Schiff steuert auf sie zu, und es keimt wieder Hoffnung auf. Da geht das Boot unter. Die Schwimmwesten taugen nichts, und der junge Mann sieht um sich herum Menschen untergehen und ertrinken.

Als das Schiff bei ihnen ankommt um die Überlebenden zu retten, sind mehr als die Hälfte nicht mehr zu sehen.

Der junge Mann hat Glück und wird gerettet.

Doch werden seine Träume jäh zerstört.

Als sie in dem neuen Land ankommen, werden sie in Lager gesperrt, sie werden dort wie Verbrecher behandelt, und unfreundlich aufgenommen.

Dann darf der Junge weiter reisen, in ein anderes Land.

Leider wird es auch dort nicht besser. Es wird dort von einem Haus zu einem anderen gefahren.

Vor den Bussen und den „Heimen“, lärmen die Einwohner, auch wenn er die Sprache noch nicht versteht, er kann den Hass in den Worten hören.

Zum Glück hat er noch sein Telefon, damit kann er jeden Tag einige Minuten mit seinem Papa reden, und er lügt ihn an, dass alles gut werden wird, sobald er seinen Status im neuen Land hat.

Einmal sagt ihm sein Papa, dass die Mama die Anstrengungen nicht überlebt hat, und er nun mit den kleinen Geschwistern in einem kleinen Dorf ist. Dort fallen jeden Tag Bomben und einmal terrorisieren die Rebellen, und dann wieder die Regierungstruppen, den Ort.

Er erfährt, dass beide Seiten, morden, plündern und vergewaltigen, und dass sein Papa hofft, seine jüngeren Geschwister bald zu dem jungen Mann schicken zu können.

Nun strengt er sich an und will die Sprache des neuen Landes lernen, und in die Schule gehen, um einen Beruf erlernen zu können.

Eines Tages bekommt er eine Nachricht. Darin steht, dass sein Papa und die Geschwister bei einem Bombenangriff umgekommen sind.

Keine Seite will die Verantwortung übernehmen.

Nach all diesen Strapazen ist er nun innerlich leer.

Doch er will nicht aufgeben, lernt eifrig, bekommt eine gute Ausbildung und hat eine gute Arbeit in Aussicht.

Da klopft es morgens um fünf an der Türe seiner Unterkunft, Männer in schwarzer Kleidung kommen herein und sagen ihm, dass der Krieg in seinem Land Zuende sei und er wieder zurück muss. Er darf nur eine Tasche packen, in die nicht mehr passt als man für ein Wochenende braucht.

In Handschellen bringt man ihn in eine Zelle, und von dort in ein Flugzeug.

Schon beim Anflug auf seine alte Heimat, kann er sehen, dass dort noch immer geschossen und gebombt wird. Alles ist zerstört, und Ruinen säumen die Straßen.

Als er den Flughafen verlässt, wird er sofort festgenommen und ab diesem Moment fehlt jede Spur von ihm.

Nun denkt nach, dieser junge Mann könnte Euer Sohn oder Bruder sein.

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