Eine kleine Geschichte zum Abend

© By Fridolin Wirbelwind

Der ältere Herr wohnt ja direkt neben einem Zentrum für älter Menschen.

Ab und zu sieht er dort dann Menschen vor der Türe sitzen, die sich nichts zu sagen haben. Die meisten warten darauf, dass einmal im Monat, vielleicht, Besuch kommt, für wenige Stunden. Den Rest der Zeit verbringen sie nach Stundenplan.

Wecken, Waschen, Medizin, Frühstück, Vormittagsschläfchen, Mittagessen, Medizin, Nachmittagsnickerchen, Kaffee und Kuchen, Medizin, etwas vor der Türe sitzen, Abendbrot, Medizin, vielleicht etwas Fernsehen, fertigmachen für die Nachtruhe, Schlafmedizin, Schlafen.

Ab und zu wird unser Herr von einer kleinen Gruppe eingeladen sich dazu zu setzen. Dann wird etwas getratscht, über die einzelnen Krankheiten, dabei raucht man dann eine Zigarette oder auch zwei.

Meist erzählen ihm dann die Damen und Herren, wie viele Kinder und Enkel sie haben, was sie beruflich gemacht haben und dass sie ein erfülltes Leben hatten.

Irgendwann kommt dann die Frage, was unser Herr denn so in seinem Leben gemacht hat. Einige der Damen kennen ihn ja nun schon, nach mehr als drei Jahren, und sind immer ganz neugierig was er ihnen diesmal erzählen wird.

Dann fängt er an, er hat gar nichts bestimmtes im Sinn, doch sein Leben war sehr bewegt, mit vielen Höhen und Tiefen, so hat er immer eine Geschichte in seinem Fundus.

Er war Kellner und Restaurantbesitzer, Pflastermaler und Vagabund, Obdachloser und Hundetrainer, er malt und fotografiert, er kann sich in mehreren Sprachen verständigen und hat auch schon Berühmtheiten getroffen.

Ja, sein Leben war nicht immer einfach, doch langweilig war es nie.

Auch hat er Abenteuer erlebt, die viele seiner Zuhörer nur aus dem Fernseher kennen.

Nordlichter gesehen, und eine Beduinenhochzeit miterleben dürfen. Auch im Ausland war er, mal mit viel Geld, mal ganz pleite.

Und wenn er dann einmal im Erzählen ist, dann vergisst er die Zeit. Dann erlebt er diese Momente noch einmal und ab und zu schmunzelt er, und manchmal fällt auch eine Träne aus seinen Augen.

So passiert es auch, dass es Tage gibt, an welchen er dann gar nicht bemerkt, wie diese einsamen Menschen an seinen Lippen hängen.

Geht so ein Treffen dann Zuende, fällt es auf, dass seine Zuhörer noch gespannt in seinen Erzählungen festsitzen.

Fast könnte man meinen, dass diese Menschen in Gedanken seine Erlebnisse und Abenteuer mit erlebten. Oft dauert es mehrere Minuten bis alle wieder im Hier und Jetzt angekommen sind.

Das sind dann die Momente, in denen er erkennt, dass er Menschen für eine kurze Zeit aus ihrem einsamen und langweiligen Alltag mitnehmen kann.

Es sind nur ein paar Minuten, doch wenn er in die Augen seiner Zuhörer sieht, findet er dort oft ein Funkeln, und eine Art Dankbarkeit.

Ja, er liebt es seine Geschichten zu teilen, weil er eben immer wieder sieht, dass einige Menschen sie aufnehmen und ein kleines Stück Glück dabei empfinden, wenn sie diese lesen oder hören.

Für solche Augenblicke lebt er.

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