Erlebnis in Altona

© By Fridolin Wirbelwind

Der ältere Herr sitzt nun wieder einmal in seiner kleinen Wohnung.

Wie so oft, schreibt er an seinen Geschichten, doch irgend wie fehlt ihm Heute etwas. Es will ihm nicht wirklich etwas gelingen.

Also legt er eine CD ein, mit alten Songs, schenkt sich ein Glas Rotwein ein und zündet eine Zigarre an.

Bei diesen Genüssen, gehen ihm viel Gedanken durch den Kopf. Doch keiner ist wirklich so gut, als dass er daraus eine Geschichte zaubern könnte.

Das passiert eben so ab und zu, denn eine Geschichte schreiben, ist ja kein Job den man nach der Stechuhr abarbeitet.

Er riecht an seinem Weinglas, und sieht den Rauchwolken nach, die aus seinem Mund langsam zur Zimmerdecke aufsteigen. Die Jahreszeit wechselt seit einigen Tagen in den Herbst. Von seinem Fenster aus sieht er auf Bäume welche nun langsam ihre Blätter abwerfen, doch nicht ohne sie vorher in wunderschönen Farben leuchten zu lassen.

Er versinkt immer tiefer in seine Gedanken, bis so langsam seine Muse auftaucht.

Diese taucht immer ohne Vorankündigung auf. Meist hat unser Herr keine Ahnung wann oder ob sie überhaupt auftaucht. Doch an diesem Abend ist es etwas anders. Ganz langsam taucht der Mond auf, der fast schon ein Vollmond ist. Und in der Ferne sieht er wie sich etwas Bodennebel über die Felder legt. Am Himmel kann er sehen wie sich Schwalben sammeln und da schlägt seine Muse zu.

Vor vielen Jahren hatte er eine Freundin, die von allen nur „Schwalbe“ genannt wurde.

Wie ein Film läuft nun alles vor ihm ab.

Als er Schwalbe kennen lernte, war er als Pflastermaler unterwegs.

Es war ein sonniger Morgen damals, im Mai. Sein Platz war in Altona, am Anfang der Fußgängerzone. Bei ihm waren sein Hund, eine Gelbstirnamazone und eine Krähe.

Er war noch dabei seine Kreiden zu sortieren und wollte gerade den Rahmen ziehen, als eine hübsche Frau ihn fragte, ob sie die Tiere auch streicheln dürfte. Als er dies bejahte, ging sie in die Hocke, und sah dem Mann bei seiner Arbeit zu. So blieb sie etwa eine halbe Stunde sitzen. Streichelte immer wieder die Tiere und rauchte eine schlanke Zigarette. Dann stand sie auf und fragte noch, ob er einen Kaffee und ein Frühstück haben möchte. Klar sagte unser Herr nicht Nein zu so einem Angebot.

Die Frau ging mit einem Lächeln und kam nach einer Viertelstunde mit einer großen Tüte zurück. Darin war eine Becher mit Kaffee, drei belegte Brötchen, sowie Hunde- und Vogelfutter. Sie wünschte einen guten Tag und gute Geschäfte, und fragte ihn wann er denn aufhören würde. Als der Mann sagte, dass er die nächsten drei bis vier Tage an seinem Bild leben würde, lächelte sie und ging.

Er sah ihr noch einige Sekunden nach und kümmerte sich dann wieder um seine Arbeit.

Der Tag war gut. Viele Menschen kamen vorbei, gaben Lob und Geld. Nicht weit entfernt gab es ein ganz kleines Café, dessen Besitzer ihm erlaubt hatten das WC zu benützen. Es standen Tische auf dem Gehweg und einige Gäste erfreuten sich an dem Bild, das im Entstehen war, und wie die Tiere spielerisch um das Bild herum tollten.

Möwen wurden von der Krähe verjagt und der Hund begrüßte jeden anderen Hund. Die Amazone war ab und zu etwas aufdringlich zu den Gästen des Cafés, doch meist lachten die Menschen.

Als es dann so langsam ruhiger wurde in der Straße, stellte auch unser Herr seine Arbeit ein. Ein paar Straßenmusikanten, die schon den ganzen Tag in der Nähe musizierten, kamen zu ihm. Es waren Leute die man am ehesten als Althippies bezeichnen konnte. Sie brachten Bier und Wein mit, dazu wurden seltsame Dinge geraucht. Alles in Allem war es ein toller Abend. Dann tauchte die Frau wieder auf. Sie war lustiger Dinge, hatte auch eine Flasche Wein dabei und setzte sich dazu, als ob sie ein Teil der Clique wäre. Als die Sonne fast schon wieder aufging, legten sich alle hin. Sogar die Frau fragte ob sie dabei bleiben dürfte. Unser Herr bot ihr an seinen Schlafsack mit ihr zu teilen, und sie nahm an.

Lange war die Nacht nicht. Bald schon kamen die ersten Menschen an ihnen vorbei, auf dem Weg zur Arbeit.

So ging das drei Tage. Jeden Morgen sorgte die Frau für das Frühstück und ging dann weg.

Am vierten Tag war das Bild endlich fertig und unser Mann war schon fast dabei sich zu verabschieden, als die Frau ihm anbot doch noch ein paar Tage sich bei ihr zu erholen. Es war schon lange her, dass der Mann eine richtige Wohnung von innen gesehen hatte, also sagte er zu. Zumal er Gefühle für die Frau entwickelt hatte. So entschloss er sich zwei oder drei Tage bei ihr zu bleiben.

Doch zuerst wollte er noch etwas mehr Geld verdienen.

Am nächsten Tag sah er dann die schöne Frau, wie sie mit einem Mann in ein Stundenhotel ging. Seine Gefühle waren ziemlich durcheinander. Als sie dann am Abend zu ihm kam, fragte er sie ganz direkt ob sie wohl eine Prostituierte sei.

Sie sagte, dass er recht habe und ob er nun nichts mehr mit ihr zu tun haben möchte. Sie könnte das verstehen. Doch unser Mann wollte nur wissen warum sie diese Arbeit macht und erhielt eine erstaunliche Antwort.

Sie erzählte ihm, dass sie zwei Kinder hat, keinen Beruf erlernt habe und mit ihrer Schwester zusammen lebt, welche auf die Kinder aufpasst, während sie auf den Strich ging, oder in den letzten Tagen bei ihm gewesen war.

Als sie ihn dann fragte, ob er trotzdem einige Tage bei ihr ausruhen möchte, sagte er Ja.

Es war ihm egal, dass sie eine Nutte war, denn Vorurteile waren noch nie seine Art.

Als es dann anfing zu regnen und sein Bild vom Wasser abgewaschen wurde, holte sie ihn ab. Er ging mit zu ihr, nicht ahnend, was auf ihn warten würde.

Bei ihr angekommen, wurde er zuerst von der Schwester begrüßt, so herzlich als ob sie ihn schon lange kennen würde.

Die Kinder waren auch da, und freuten sich über die Gesellschaft der Tiere.

Zuerst wurde er genötigt eine Dusche zu nehmen, bekam saubere Kleidung und für die Vögel waren einige Zweige in der Wohnung verteilt. Die Kinder waren sehr höflich, aber auch neugierig. Sie wollten mit den Tieren spielen, waren aber so verständnisvoll, darauf zu warten bis diese auch mit ihnen spielen wollten. Es waren einige tolle Tage. Unser Mann half den Kindern bei den Schulaufgaben. Er kochte abends und morgens und erzählte gerne und viel von seinen Reisen. Doch es hielt ihn nicht wirklich lange. Seine Sehnsucht nach der Ferne und neuen Abenteuern konnte und wollte er nicht unterdrücken, doch die Gründe dafür sind wieder ganz andere Geschichten.

Als er sich verabschiedete, waren einige Tränen zu sehen, bei unserem Mann, den Kindern und auch bei den Frauen. Doch sein Fernweh war so groß, er wäre unglücklich geworden, wäre er geblieben.

So hat er für sich entschieden, dass er diese Tage für immer in seinem Herzen behalten würde.

Auch wenn er diese Gefühle tief verborgen hat, er wird sie bis ans Ende seiner Tage in seiner Erinnerung behalten.

Habe ich meinen geneigten Lesern nun die eine oder auch andere Träne in die Augen getrieben, dann habe ich mich gut ausgedrückt.

PS: Die Frau und ich, wir haben uns nie mehr wieder gesehen. Doch werde ich ihr immer Respekt zollen. Eine Frau, die auf den Strich geht um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, vor der ziehe ich meinen Hut.

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