Geschichte einer Dame

© By Fridolin Wirbelwind

Unser älterer Herr hatte Heute eine Unterhaltung mit einigen Leuten aus dem benachbarten Seniorenheim.

Er hatte einige Zigarillos besorgt und setzte sich mit einigem Herren und Damen für einige Zeit auf eine Bank im Park.

Wie immer schwatzte man so über Dieses und Jenes. Einer der Herren, der wegen einer schweren Erkrankung schon mit 62 Jahren ins Seniorenheim ging, lächelte vor sich hin und meinte leise: „Wer von Euch würde sich denn trauen, seine ganzen verflossenen Lieben auf einmal zu treffen?“

Aua, das war ein Treffer. Einige begannen zu überlegen und wurden etwas stiller.

Was soll denn so eine Frage,“ fragte einer der anderen.

Ich meinte ja nur, wir haben uns doch sicher fast alle mehr als einmal verliebt. Da wäre es doch interessant, zu erfahren, wie das Leben mit unseren Verflossenen um ging.“

Es kamen so einige Antworten und das Gespräch wurde auch ab und zu etwas hitzig.

Da räusperte sich eine der Damen zu Wort.

Also ich war fünfmal in meinem Leben verliebt. Mit Dreien davon war ich zusammen und mit Zweien war ich verheiratet. Alle fünf würde ich sofort einladen, wenn sie noch leben würden. Als Junges Mädchen, so mit etwa 14 Jahren, war ich zum ersten Mal verliebt, doch zur damaligen Zeit, war da ein Kuss schon unschicklich. Doch geliebt habe ich ihn damals schon, und hätte er den ersten Schritt getan, dann wäre ich wohl mit ihm diesen Schritt gegangen, so sehr liebte ich ihn. Doch dann kamen harte Zeiten und er ging nach Übersee.

Als ich dann, während des Krieges, einen englischen Soldaten traf, verliebte ich mich erneut. Doch auch dies blieb eine unerfüllte Liebe, war er doch der Feind und so durfte ich mich nicht in ihn verlieben.

Dann war der schreckliche Krieg endlich aus, ich hatte überlebt, zwar waren Trümmer mein Zuhause, und der Hunger oft mein engster Freund, doch mein Wille nach dem Leben, war größer als jemals zuvor.

Mein Vater war in Russland vermisst, meine Mutter ging nach einem Bombenangriff um meine Geschwister zu retten und kam nicht wieder, doch ich hatte keine Zeit um zu trauern! Ich wollte leben, mit allen Sinnen und Gefühlen.

Eines Tages lief mir dann dieser GI über den Weg. Ich traf ihn auf dem Schwarzmarkt, und wollte Nylons eintauschen.

Lange Rede kurzer Sinn, ich bekam meine Nylons und Jimmy mich.

Das waren schöne Wochen und ich habe diese Zeit genossen, als „Liebchen“ eines Amis. Aber diese Zeit dauerte nur sieben Monate, dann musste er zurück nach Minnesota. Einige Zeit haben wir uns noch Briefe geschrieben, doch das ging auch nur einige Monate.

So lebte ich mein Leben, begann bei einem Fotografen im Labor zu arbeiten und lernte sehr viel von ihm. Eines Tages bekam er den Auftrag im Rathaus einige Kommunalpolitiker zu fotografieren und ich durfte mit, als seine Beleuchterin. Das war damals nicht nur ein Job, es war schon mehr. Ich musste nicht nur die Scheinwerfer einrichten, auch immer dafür sorgen, dass in seinen Kameras stets ein Film eingelegt war, ich durfte ihm die Objektive reichen und war auch dafür verantwortlich, dass die Personen dezent mit Puder geschminkt waren, damit sie auf den Fotos nicht glänzten wie eine Speckschwarte.

Aber das nur nebenbei. So traf ich auf einen Reporter, den Heinrich. Er war so charmant, etwas wirr in seinen Aktionen, seine Krawatte wer niemals richtig gebunden und seine Hemden hatten bestimmt auch schon bessere Zeiten gesehen. Aber er war irgendwie sehr süß in seiner Hilflosigkeit mit dem Leben. Als ich ihm dann half seine Kleidung zu richten, berührte er wie zufällig meine Hand. Man, das war als hätte mich ein Blitz getroffen. Ich sah in seine grünen Augen und er, er lächelte hilflos und dann küsste ich ihn. Als wir dann abends essen gingen, da wusste ich, dass ich diesen Mann heiraten werde.

Ich war entschlossen, und im Sommer 1954 war dann Hochzeit. Da wir nicht viel hatten, und auch keine Familie, waren nur wenige Menschen auf dem Standesamt dabei.

Wir lebten glückliche 13 Jahre zusammen, leider ohne Kinder, und dann wurde er krank. Nach wenigen Wochen starb er dann.

Es kamen für mich traurige Zeiten, denn ich vermisste meinen Heinrich so sehr. Doch das Leben ging weiter und fragte nicht nach meinem Schmerz. Ich hätte nun von unserem Ersparten und der kleinen Rente schon gut leben können, doch war ich doch noch nicht alt und nur im Hause sitzen und auf den Tot warten, das wollte ich nicht.

In der Stadt gab es ein Waisenhaus, dort meldete ich mich und wurde auch angenommen.

Es kamen einige angenehme Zeiten und 1971 traf ich dann meinen zweiten Ehemann.

Er war einige Jahre jünger als ich, damals noch ein Unding, wir zogen in eine WG und ich verlor meine Arbeit im Waisenhaus.

Da erinnerte ich mich an das was ich gelernt hatte, ich konnte ja fotografieren. So zogen wir einige Jahre durch die Welt, ich fotografierte alles was mir vor die Linse kam. Willhelm war Kunstmaler, nicht wirklich gut, aber in Frankreich verkauften wir einige seiner Bilder und auch einige meiner Fotos.

Es waren reich bewegte Zeiten. 1980 fiel er dann mitten in einer Disco vor mir auf die Knie und bat mich seine Frau zu werden.

So lebten wir unser Leben, haben es zu bescheidenem Wohlstand gebracht und hatten auch Freunde auf der ganzen Welt.

Wir feierten unsere Silberhochzeit, ganz für uns, denn auch in dieser Ehe gab es leider keine Kinder.

Eines Tages fuhr er dann mit unserem Auto zum Einkauf, und kam nicht wieder.

Ja, ich muss sagen, ich würde alle meine Männer gerne noch einmal sehen, und ich bin mir sicher, dass die sich verstehen würden. Könnt Ihr das auch von Euren Verflossenen sagen?“

Mit diesen Worten streichelt sie mir über den Kopf, zwinkerte mir zu und ging.

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