31.12.2018, kurz nach 20 Uhr

© by Fridolin Wirbelwind

Es ist der 31.12. 2018, kurz nach 20 Uhr.

Viele Böller und Raketen werden schon gezündet.

Er sitzt gemütlich an seinem Computer, tippselt ab und zu etwas, trinkt dabei ein Glas trockenen Rotwein und dampft eine Zigarre.

Vor vielen Jahren war er nur selten an Silvester nicht auf einer Party oder hatte selber eine veranstaltet.

Doch diese Zeiten sind vorbei.

Im vergangenen Jahr hat er für sich fest gestellt, dass er nicht mehr so gut mit Menschen kann, aus welchem Grund auch immer.

Das bereitet ihm jedoch kein Unbehagen, er nimmt es eben wie es ist.

Nun schaltet er seinen Fernseher ein, doch mit den ganzen Party-Shows kann er nicht viel anfangen, so alleine macht ihm das keinen Spaß. Aber er findet etwas, das er schon lange nicht mehr gesehen hat: Der weiße Hai 2 und im Anschluss wird er sich wohl (T)Raumschiff Surprise ansehen.

Gegen Mitternacht wird noch eine Kleinigkeit essen, da das Feuerwerk ihn ja eh nicht schlafen lassen wird, mit sich auf ein gutes, neues Jahr anstoßen und in Gedanken seinen Freunden viel Glück wünschen.

Nun hat er sein zweites Glas leer und die Zigarre ist erloschen.

Früher war er eine Mann, der auf jeder Party für Unterhaltung sorgte. Es gab ja kaum etwas zu dem er keine Meinung hatte, und konnte sich auch gleichzeitig mit mehreren Personen unterhalten.

Einer seiner Chefs bat ihn sogar einmal den Gästen die Zeit zu vertreiben, da sich ein Redner verspäten würde. So stand er damals mehr als eine Stunde vor 200 Menschen auf einer Bühne, ohne Konzept und plapperte los.

Heute ist er froh, wenn er keinen persönlichen Kontakt herstellen muss.

Er ist älter und gesetzter geworden. Im Mittelpunkt zu stehen, das findet er nicht mehr notwendig.

Dafür nimmt er sich nun die Zeit um viel zu schreiben, und eines Tages, so hofft er, wird er auch seinen Roman fertig stellen.

Ihr braucht nicht zu bedauern, er liebt sein Leben, so wie es ist.

Nun kann er sein Leben so einteilen, wie es ihm gut tut.

Doch was noch viel wichtiger ist, er ist nicht verbittert über seine Lebensumstände.

Nach diesen Sätzen schenkt er nach und zündet sich eine neue Zigarre an.

So ändern sich die Prioritäten.

Als er seine Sätze liest, überkommt ihn ein Gefühl der Zufriedenheit. Er bemerkt, dass er zwar gerne etwas mehr vom Leben hätte, wer auch nicht, aber dass er so ziemlich alles hat was er braucht.

Mit seinem wenigen Geld kommt er gut zurecht, auch wenn es am Monatsende ab und zu knapp wird. Doch er muss noch immer nicht zu einer Tafel gehen. Er hat eine kleine Wohnung, Internet und Telefon, Kabel-TV und ein Fahrrad mit Anhänger. Kleidung hat er so viel, dass er eigentlich nur einmal im Monat die Waschmaschine benützen müsste.

Er trinkt guten Wein, darauf gleich noch einen Schluck nehmen, kann sich zwischen durch eine gute Zigarre leisten, und da er auch gerne kocht, kann er sich auch manchmal sehr gutes Essen leisten.

Mit seiner Gesundheit kann er auch zufrieden sein, trotz Diabetes.

Seine Hausärztin findet, dass er für seine Ü-60 gut in Form ist.

Seit einigen Jahren hat er ja auch seinen Fleischkonsum extrem herunter gefahren; es gibt Monate, da reichen ihm etwas 1,5 kg Fleisch- und Wurstwaren aus.

Fisch und Rohkost, täglich etwas Obst und eine handvoll Nüsse.

Er trinkt jeden Tag eine Kanne frisch gemahlenen Bohnenkaffee, und nur selten Cola oder ähnliches.

Ja, er hat seine Lebensfreude nicht verloren, und hofft, dass dies ihm erhalten bleibt, bis er stirbt.

Auch wenn er keine persönlichen Kontakte mehr braucht, so geht er doch gerne unter Leute, aber eben mit anderen Vorzeichen.

Gerne geht er in die Innenstadt, sieht dort den Menschen zu, wie sie entweder getrieben von irgend welchen Terminen, durch die Straßen hetzen, oder wie andere gemütlich schlendern, flirten und das Leben genießen.

Manchmal lächelt er einfach fremde Menschen an. Ganz ohne Grund, und obwohl viele nur noch auf ihr Smartphone starren, sind die wenigen Reaktionen auch für ihn immer wieder überraschend freundlich.

Doch geht er auch mit offenen Augen und Ohren durch die Welt. Er versucht sich mit seinen wenigen Mitteln um einige Obdachlose zu kümmern, oder um die alleinerziehende Mutter, den Senior im Altenheim, der von der Familie nur dann besucht wird, wenn es gar nicht anders geht.

Vor einem Jahr noch hat er auch gemalt, doch zur Zeit findet er diese Muse nicht, er ist nicht inspiriert.

Auch fotografiert er zur Zeit nicht so viel, aber seine Hobbies werden nicht abgeschafft, sondern im Moment nur nicht aus geübt.

Jedes Ding hat seine Zeit, und im Moment ist er ja immer noch auf der Suche nach einer neuen Wohnung.

Ach ja, ein Hobby lässt es nicht zu, dass er es vernachlässigt, das sind seine Zimmerpflanzen. Viel Grün und einige Orchideen, die ihm jede Vernachlässigung sofort auf die Nase binden, und oft auch einige Wochen streiken.

Er macht täglich seine Spaziergänge, egal welches Wetter draußen auch ist.

Doch gibt es auch Tage an denen ihn seine Agoraphobie nervt, da kostet es ihn dann eine Menge Energie, um dagegen an anzukämpfen.

An einigen Tagen vermisst er seine alte Arbeit, als Kellner, er liebte sie.

Sie war abwechslungsreich, fordernd und jeden Tag konnte er etwas neues lernen.

In seinem Arbeitsleben hat in vielen Jobs gearbeitet und war nur mit sich zufrieden, wenn er mindestens 100% gegeben hatte.

Das ist nun vorbei, und er kann sich nun auf sich selber konzentrieren.

‚Ups, das Glas ist schon wieder leer, also nachschenken, und Prosit auf das neue Jahr.‘

Sein Leben war voll mit Abenteuern und Erlebnissen, von denen viele von Euch noch gar nichts gehört haben.

Er hat die halbe Welt bereist, Dinge gesehen und gehört … aber das sind ganz andere Geschichten, die er Euch in seinen Erzählungen ja Stück für Stück erzählt.

Obwohl er keine schöne Kindheit hatte, versuchte er stets sein gutes Herz zu erhalten, seine Sinne für Gerechtigkeit und gegen Hass zu sensibilisieren. Und er denkt, dass er das ziemlich gut geschafft hat.

So langsam lässt er das vergangene Jahr Revue passieren. Viel ist passiert, nicht nur in seinem privaten Umfeld.

In Amerika plustern sich die Right Wings auf, und ihr Boss, das Trumpel, hält sich für den Alleinherrscher der Welt. Der Krieg im Nahen Osten sucht neue Wege um sich rechtfertigen zu können, Freunde und Verbündete von Gestern werden nun zu den Feinden von Heute gemacht, von Erdowahn, in Russland werden politische Gegner kalt gestellt und homosexuelle verfolgt. In Italien regieren Nationalisten und in Österreich sieht es nicht viel besser aus, von Ungarn, Polen und anderen Staaten will er erst gar nicht anfangen. Bei uns sorgt die blaune Sekte dafür, dass sich nicht nur die Bevölkerung spaltet, durch ihre Hasstiraden, auch in den Parlamenten gibt es Töne, welche man früher nur in Ausnahmefällen zu hören bekam. Einige Polit-Wichtel diktieren was gesagt werden darf, und was nicht. Die ÖR lassen sich von den Neo-Faschisten vorschreiben, was in der Kunst eines Krimis erlaubt ist, und was nicht, und knicken, vor den blau-braunen Hetzern ein. Das ZDF entschuldigt sich für das Shirt eine Kameramannes. Sagt mal geht es noch?

Dann gab es da noch diesen „obersten Verfassungsschützer“, der sich offen gegen die Demokratie gestellt hat.

Eine Weidel, die mit dem Fuß aufstampfte wie ein kleines Kind, dem man im Sandkasten die Schaufel geklaut hat.

Den Gaul Eiter, der im Sommerinterview nicht eine Antwort geben konnte.

Doch gab es auch einige Lichtblicke:

Wenn er da an so einige Reden im Bundestag denkt, in denen sich, parteiübergreifend, Politiker aller Fraktionen gegen die AfD stellten, und ihnen aufzeigten, wie sehr sie doch die Fakten und Daten verdrehen und sie teilweise richtig lächerlich machten.

Er ist sich bewusst, dass man diese Sekte nicht so schnell wieder los wird, doch ist er guter Hoffnung.

Seine Kampf gegen Nazis, Vollpfosten, Idioten, Klima- und Wissenschaftsleugner, Hater und Rassisten wird er nicht aufgeben.

Er ist ein Antifaschist und wird das auch bleiben. Aber er gehört nicht zum Schwarzen Block und erst Recht nicht zu den Chaoten. Alles was er will, das ist Gerechtigkeit für alle Menschen, ohne Ansehen der Person, weder sollten nach seiner Meinung Religionen, noch Hautfarbe oder Herkunft eine Rolle spielen dürfen.

Es gibt nur eine Spezies Homo Sapiens.

Das Blut, welches in unseren Adern fließt ist immer rot, nur was in der Birne ist, das färbt sich bei einigen oft braun ein.

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