Wie ich Antifa wurde

© By Fridolin Wirbelwind

Ich hatte ja versprochen, oder gedroht, eine neue Geschichte zu schreiben.

Wird eventuell etwas länger, als Ihr es von mir gewohnt seid.

Als ich aufwuchs, gab es noch viele Wälder, keine Zentralheizung oder ähnliches. In unserem alten Haus war der Sommer dazu dazu da, um Holz zu sammeln, der Küchenherd wurde noch mit Eierkohlen und Briketts befeuert.

Aber das wollte ich eigentlich gar nicht sagen. Mein Papa hat erst als ich ungefähr 14 Jahre war angefangen mit uns Kindern über den Krieg zu reden, das war so um 1972. Als man ihn einzog, und nicht in die Partei eintreten wollte, wurde er sofort an die Ostfront versetzt. Zuerst wollte er nur ein guter Deutscher sein, doch nach und nach, so erzählte er uns, kam sein Corpsgeist auf. Als Funker war er immer ganz Vorne mit dabei. Was er damals für Gräueltaten verübt hat, das hat er nur nebenbei erwähnt. Immer wenn er darüber sprach, traten ihm Tränen in die Augen. Ja, er gab zu, dass er mit gemacht hat. Wie viele Menschen er getötet hat, weil er sich im Recht fühlte, konnte er uns niemals sagen.

Er schämte sich für seine Taten, und konnte sie dennoch niemals vergessen. Ehe die 6.Armee in Richtung Stalingrad aufbrach wurde er nach Frankreich versetzt. Er war einer von den wenigen, welche die Funksprüche der Alliierten entschlüsseln konnte. Als erkannt wurde, dass er absichtlich einige Funksprüche nicht wahrheitsgemäß übersetzte wurde er wieder an die Ostfront versetzt und verlor seinen Offiziersrang. Seine Einheit wurde nach Berlin geschickt. Alle paar Minuten musste er Durchhalteparolen verbreiten, das war im März 1945. Als er einen Funkspruch nicht weiter geben wollte, der besagte, dass die Alliierten im Westen abgedrängt worden seien, schoß sein Vorgesetzter auf ihn und lies ihn liegen, weil er meinte, dass er tod wäre. Dann kam die Rote Armee, sie sahen ihn und auch sie liesen ihn liegen, in dem Glauben, dass er eh nicht überleben würde. Eine Frau fand ihn dann, mit einer Kugel direkt neben dem Herz; sie nahm ihn mit und Pflegte ihn. Als es ihm dann wieder halbwegs gut ging, half sie ihm in den Westen zu gehen. Sie besorgte ihm Zivilkleidung und als Berlin gefallen war, half sie ihm mit einer neuen Identität im Westen ein neues Leben beginnen zu können. Um überleben zu können, musste er zwei Vorgesetzte erschießen.

Bis zu seinem Tod, mit 70 Jahren, wurde er als Fahnenflüchtig in der DDR gesucht. Als 1989 die Mauer fiel, war ich einmal in Zittau, der Geburtsstadt meines Papas. Mein Papa hat fünf Schlaganfälle und drei Herzinfarkte überlebt. Doch stets sagte er uns, dass wir es niemals wieder zulassen dürften, dass so ein Regime wieder Macht erhalten kann.

Dieser Mann, der nicht wirklich mein Vater war, hat mich zu einem Antifaschisten gemacht. Er hat zugegeben, dass er einem falschen Ideologen gefolgt war, und er zwar dessen Arm war, aber sich schämte, für das was er unschuldigen Menschen angetan hat.

Leider haben meine vier Geschwister die Moral aus der Geschichte nicht gelernt. Meine Schwester ist mit einem Sizzilianer verheiratet und wählt rechts, meine Brüder sind … und wählen rechts.

Ich bin der einzige aus meiner Familie der links zu finden ist; kann sein weil ich ein Seitensprung bin. Dieser Mann hat mir gezeigt, dass man logisch denken muss, und nicht nur egoistisch.

Ich möchte nicht, dass eines unserer Kinder jemals so ein Leben, leben muss, wie es mein Papa hinter sich hatte.

Darum für immer und ewig:

#Alerta, Alerta, Antifascista.

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