Ja, noch einmal die erste Liebe erleben!

© By Fridolin Wirbelwind

Es ist mir schon klar, dass dies niemals geschehen wird, aber in Erinnerungen schwelgen, das kann ich ein Leben lang.

Ich war etwa neun oder zehn Jahre jung. Wieder einmal sind wir umgezogen und ich kam in eine neue Schule.

Der Lehrer war ein selbsternannter Kriegsheld, aber dies nur am Rande erwähnt.

Die ersten beiden Tage waren so, naja, eben so.

Am dritten Tag kam ein neues Mädchen dazu.

Ich saß in der letzten Reihe, alleine an einem Tisch. Der Lehrer meinte nur: „Das ist Angelika, die ist nun auch bei uns. Setz dich zu dem anderen Neuen, dann muss ich nicht alles noch einmal sagen.“ Damit meinte er, dass wir eh keine Freunde unter den „Normalen“ finden würden, weil wir in einem Problemviertel wohnen.

Angelika setzte sich zu mir und man konnte sehen, dass sie diese Worte nicht schön fand.

In der Pause wollten die Jungs nicht mit mir spielen, noch die Mädchen mit Angelika.

Also fanden wir uns zusammen und spielten Autoquartett.

Im Unterricht musste sie dann in mein Buch mit rein sehen, da sie noch keines hatte.

Und zum allerersten Mal bekam ich eine Gänsehaut, als sie ein Mädchen meine Haut berührte.

Nach Schulschluss gingen wir dann gemeinsam nach Hause, sie wohnte nur ein Stockwerk über mir.

Ihr Mama war nicht da, und meine Mutter vergnügte sich mit einem ihrer vielen Liebhaber.

Also machte ich uns ein paar Brote und wir gingen nach Unten um unsere Hausaufgaben zu machen.

Von einem, so genannten „Onkel“, hatte ich ein kleines Radio geschenkt bekommen, die nahm ich mit runter und wir hörten den Amisender.

Wir blieben auch danach noch draußen.

Spielend und lachend verbrachten wir den Nachmittag.

Wir sahen uns an wussten, dass wir uns mögen.

So ging das fast den ganzen Sommer über.

Mit jedem Tag sah ich sie etwas anders an. Angelika war etwa so groß wie ich, hatte sehr lange, schwarze Haare mit einigen Locken darin, und tiefblaue Augen. In den Wangen hatte sie zwei süße Grübchen, die sich noch vertieften, wenn sie lächelte, und sie lächelte oft.

Als im Herbst die Schule wieder begann, war das etwas seltsam. Wir bekamen eine neue Lehrerin, welche die Klasse aufteilte in Jungs und Mädchen.

So konnten wir nicht mehr neben einander sitzen. Das war schlimm für uns.

Doch wir genossen dafür unsere gemeinsamen Stunden noch viel intensiver.

Im Dezember wurde dann in unserem Block eine Tagesbetreuung für Kinder bis 14 eingerichtet. Dort wurde gebastelt und gespielt, wir bildeten einen Chor und lernten Walzer tanzen.

Nun muss ich ja nicht erwähnen, dass Angelika und ich immer in einem Team waren, egal ob beim Tanz, Tischtennis oder Basteln.

Fast ein Jahr ging das so. Wir gingen sogar zusammen zum Schwimmkurs. Dann wollten wir gemeinsam in der Schule Gitarre lernen, aber da wir eben aus diesem Problemviertel stammten, wurden wir nicht zugelassen.

Als uns der Musiklehrer rauswarf, auch aus dem Schulchor, waren wir beide sehr traurig. Es war nicht das erste Mal, dass wir Hand in Hand gingen aber diesmal haben wir uns umarmt. Es war ein sehr schönes Gefühl. Als wir ins Haus gingen, begann Angelika zu weinen. Ich sagte ihr, dass es doch nicht so schlimm sei, und wir eben selber versuchen würden Gitarre zu lernen.

Da sagte sie, dass sie nicht deswegen weinen würde, sondern weil der neue Mann ihrer Mama jetzt Daheim sei und sie Angst vor ihm hat, weil er sich immer nackt zu ihr ins Bett legen würde.

Sie hat mir zwar noch mehr erzählt, aber das möchte ich hier nun nicht schreiben.

Bis zur Öffnung der Tagesbetreuung war noch etwa eine Stunde. Also nahm ich sie mit zu mir.

Meine Mutter war zum Glück nicht da, nur ein Zettel, dass sie erst spät zurück wäre.

Wir haben uns dann Spiegeleier mit Spinat und Würstchen gemacht.

Dann machten wir unsere Hausaufgaben, hörten Musik und legten uns auf das Sofa, Arm in Arm.

Dabei schliefen wir ein, weil es so schön war.

Als mein Papa dann von seiner Arbeit nach Hause kam, machte er ein Foto von uns, lies uns aber schlafen.

Es war schon dunkel, als wir wieder aufwachten. Mein Papa saß vor der Tagesschau und lächelte uns beide an. Als er fragte ob Angelika meine Freundin sei, sagte sie einfach JA.

Papa frug uns nun aus, und Angelika sagte ihm was sie mir erzählt hatte.

Da wurde mein Papa richtig wütend! Er meinte zu uns, dass Angelika diese Nacht bei uns bleiben wird und er ihr nur einen Schlafanzug und Wechselkleidung holen will.

Angelika wohnte genau in der Wohnung über uns. Nach einigen Minuten hörten wir wie dort Möbel umfielen und ein Mann laut schrie. Wie mir mein Stiefvater viel später erzählte, hat der damals den neuen Mann von Angelikas Mama vermöbelt.

Nach einiger Zeit kam mein Papa mit der Mama von Angelika zurück. Diese Nacht schliefen wir in der Wohnküche, bis auf Papa, der ging ins Schlafzimmer. Meine Mutter kam die ganze Nacht nicht nach Hause, auch die nächsten Tage und Nächte nicht.

Aber Angelika und ich hatten uns immer lieber.

Wir gingen nun auch Arm in Arm in die Schule, auch wenn das der Lehrerin gar nicht gefiel.

Und dann kam dieser Freitag. Wir hatten Turnen.

Unsere Lehrerin verdonnerte uns zu Völkerball.

Zum ersten Mal waren die Mannschaften gemischt.

Ein Junge und ein Mädchen usw.

Unsere Mannschaft gewann. Und weil wir uns so freuten, umarmten wir uns alle und Angelika gab mir einen Kuss, einen Kuss auf die Lippen.

Es war wahrscheinlich der aller schönste Kuss in meinem Leben. Wir bekamen sofort von unserer Lehrerin eine Backpfeife, alle beide. Aber wir strahlten dabei.

Auf dem Heimweg meinte Angelika, dass sie diesen Kuss sehr schön gefunden hatte, und gab mir meinen zweiten Kuss.

Doch wir trauten uns nicht noch einmal uns zu küssen.

Etwa eine Woche danach, meine Mutter war wieder aufgetaucht, kam das Jugendamt zu uns und verbot dass wir so zusammen leben. Entweder würde die Mama von Angelika eine neue Wohnung zu suchen oder meine Freundin würde in ein Kinderheim für schwer erziehbare Kinder gebracht.

Drei Tage später kam das Jugendamt mit der Polizei und nahm beide mit.

Ich habe nie wieder etwas von Angelika gehört, aber in meinem Herzen ist ein Raum, nur für sie reserviert. Nichts kann diese Erinnerungen je löschen.

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